Punked It.
Das Vorstellbare und Prinzipien avantgardistischer Verantwortungslosigkeit.
The imaginable and principles of vanguard's unresponsibility.

(Temporarily german version)

Dies sollte eigentlich ein Kunstbrief über Prinzipien des Punks werden, anlässlich einer total verschwommenen Einladungskarte in Grau und Weiß, die auf den ersten Blick an einen Berg Altpapier erinnerte, sich dann aber als - zumindest bei größter Interpretationsbereitschaft und mit einem gewissen Kontextwissen - als dermaßen aufschlussreich und typisch erwies, dass wir nun lieber über allgemeine Trends in der Kunst und ihrer Beschreibung räsonieren. Dabei beginnen wir ganz am Anfang, beim Begriff des "Trends" in der Kunst (nun bitte ein letztes Mal im Rahmen dieses Vortrags räuspern, dann *lauschen*).
Das Prinzip der Avantgarde, also avant - garde, im ursprünglich militärischen Sinne, vor der Truppe reitend, ist in Kunstangelegenheiten zwar immer noch schick, aber doch in seinem Sinn eigentlich zumindest zerfranst. Heikel geworden ist wohl die Pioniersinterpretation, die den oder die AvantgardistIn als besonders findiges und aufgewecktes Wesen vor der Garde herumhoppeln lässt, auf dass die Umgebung erkundschaftet und das alltägliche Going-on sicherer und besser wird. Diese Variante lohnt jedoch die nähere Betrachtung, denn sie zeigt, dass die eigentlich schon klassische Frage nach der Funktion der Kunst dieses Pioniersschema quasi als Modell verwendet. Vergleichen wir verschiedene PionierInnen:
Pionier A interessiert sich vor allem für die griechisch-römische Antike und die damit verbundene Körper- und Lustkultur. Im Walde vor dem Felde wird er also nach romantischen Aussichtpunkten und gereiften Beeren oder freundlichen Bäuerinnen Ausschau halten. Sicher mit gewissen Annehmlichkeiten für die nachziehende Garde verbunden, vielleicht sogar das Patentrezept eines subversiven, nicht desertierenden Pazifismus. Jedoch, die Truppe wird nach ihrer Rückkehr wahrscheinlich dieses bescheidene Leben gewürzt mit etwas Alkohol und den Günsten fortsetzen müssen, Verdummung und Langeweile also nicht ausgeschlossen.
Pionierin B steht unter Beweisdruck und erkundschaftet fantastisch, bringt ihre Truppe in kurzer Zeit an mehrere Ziele, erschreckt dadurch alle und zieht leider, leider, den schnellen und resoluten Beschuss durch die Gegner auf sich. Man stirbt gemeinsam und heroisch. Soweit Betrachtung durch Pionierin A, quasi nur am Rande des Weinglases entlang räsonierend. Dabei gibt es längst Trends, die sich wie Nomaden (bewaffnet oder unbewaffnet) durch die Wüste ziehen und echte Herausforderungen darstellen. In Schlagwörtern: Verklärung; Beobachtung, Mimesis des Technischen, und vielleicht - Narration.
Verklärung ist dem amerikanischen Kunsttheoretiker Arthur Danto folgend eines der Grundprinzipien der modernen Kunst überhaupt. Ausgangsobjekt seiner Überlegungen in The Transfiguration of the Commonplace sind die Brillo Boxes von Andy Warhol, die in den frühen Sechzigern eben noch sensationell frech wirkten und mit ihrem gesamten Drumherum wichtige Aspekte von Glamour und Entertainment so ernst nahmen, dass sie sich als geldwerte Substanz in der Kunstwelt etablieren konnten. Man behauptet nun gerne, die Brillo Boxen von Andy wären auch wirklich handwerklich und ästhetisch schöner und besser gewesen, ebenso wie die Comicbilder von Roy. Waren die Brillo Boxen vielleicht sogar größer? Und wenn ja, warum? Sicher, handwerkliches Pathos darf in den Künsten schon einmal eine Rolle spielen, aber für eine Brillo Box wäre doch gutes Design noch viel besser als optisches Pimpen? Besser, größer, schöner, also auch als Prinzip der Comicbilder Lichtensteins. Pathetische Ernsthaftigkeit der Gestaltung, offensive Zurschaustellung des Gestus, an der Grenze zum Kultur-Denk_mal! Natürlich schreit uns aus diesen Werken auch das verklärte Objekt an, die Brillo Box oder die Comicstory, die sich immerhin (geneigte Leser wissen es schon) mit in die Badewanne nehmen lassen: NIMM MICH NICHT ERNST ! Man könnte so einmal thesenhaft herumklassifizieren, dass die innere Spaltung der Comicbilder von Lichtenstein symptomatisch war für die Aufspaltung von aktueller Kunst, wie man sie gerade im Haus der Kunst in München sehen konnte, also - nur als ein Beispiel für diesen Trend - Tyman und (aktuell) Parr. Tyman entwickelt in seinen Bildern den ernsten und pathetischen Aspekt dieser Repräsentation von Schein, furchtbar verallgemeinernd, wenn auch immerhin bezogen auf Repräsentationssysteme wie Kirche und Nationalsozialismus, die auf Schein, Lüge und suggestiven Aufwand quasi gründen.
Aber diesmal schmiegen sich suggestiver Aufwand und Objekt eng aneinander, denn Kunst und ihr Gegenstand bedienen sich hier in gleicher Weise zwecks Erschaffung von Projektionsfeldern und -figuren. Schwupps - könnte man da sagen, und zur Kunst als Mimesis des Technischen übergehen. Aber zuvor betrachten wir noch eine Einladungskarte zu einer Ausstellung, die einen halbgefüllten Ausstellungsraum zu einem eigenständigen, von Projektionen abhängigen kleinen Kunstwerk verklärt.
Das Werk ist von Waidmann und Weinold, die üblicherweise das Design der Augsburger Kunstsammlungen und Museen entwickeln und hier zu einer Ausstellung von Magdalena Jetelová einladen, die mehr zur Mimesis ans Technische neigt (wie z.B auch Carsten Nicolai oder, in neueren Werken, Karen Irmer). Man sieht ein paar schillernde Röhren, etwas Licht, Lichtschlieren und eine weibliche Figur in etwas tänzerischer X-Bein Pose, alles so verschwommen, dass eine Säule im Hintergrund durchaus auch wie eine Person erscheinen könnte, die neben der noch identifizierbaren steht, quasi mehr als Geist.
Im Vordergrund kommt ein Kabel aus der Säulenseite, diese hat ein bisschen Reliefstruktur gewonnen und ist noch klar konturiert. Also, im Vordergrund eine Zurschaustellung von Technik, hintergründig ein individuell-human gesteuertes Tänzchen? Wir drehen die Karte einmal um, stellen also das gesamte Bild auf den Kopf. Von den Motiven kann man ohnehin kaum etwas erkennen, der Name der Künstlerin ist bei jeder Drehung gut positioniert und lesbar.

Bei 180 Grad erkennt der Betrachter (eventuell auch die kundige Betrachterin) die "honni soi qui mal y pense" Gefahr einer Interpretation solch verschwommener Scheinwelten. Eine mittige Säule verwandelt sich durch die Bildbearbeitungsdeformationen in ein Paar weißer, hochhackiger Schaftstiefel, um die Knie herum wie an eine Leine von einer Säule nach vorne gezogen....der Name des Ausstellungsortes, "H2", klingt hier in seiner dunklen Bedeutung als Markenname einer für die Beine der Protagonistinnen berühmten Filmreihe an, die uns die Sexindustrie über das Internet und sonstwo anbietet. "LUST und Liebe" H2 by Hustler Natürlich vom Bildgestalter höchsten nebulös ferngesteuert oder aufgrund psychologischer Manipulationen intendiert, insofern nicht nur grauweiß wie die Malerei Tymans, sondern auch ähnlich verantwortungslos, da die Inhalte ja vom Betrachter oder der Betrachterin selbst geschaffen werden müssen (Who's to blame !...). Der apollinische Manipulator im delphischen Orakel, repräsentiert als Geist der Säulen, hier in der Rolle des verdeckten Pioniers...nun, wem das Rammlerohr schlackert, der kann ja mehr darüber lesen oder es als sibyllinisches Geraune mit furchtsamen, aber entschlossenem Blick überlesen.
Wir wechseln jetzt ohnehin, nach diesem von unserem Richtliniekompetenzler verbotenen Hinweis auf eine laufende Augsburger Ausstellung, nach Berlin, wo ebenfalls Techniker sitzen (Jetelovás Projekte, auf ihrer Internetseite auch kurz portraitiert, finden mehr in fernen geographischen Regionen und Sphären statt) und an ihren Techno-Kunstwerken basteln.
Wir legen Esther Stocker und Klaus Berends, resp. ihre Werke, auf die Couch. Stockers Rasterungen, zerklüftete, im Raum unsystematisch flutend verteilte Holzstücke (2006), Macintosh'sche schwarze Klebestreifen auf weißen Raumwänden, Decken und Böden (2004), oder auch das in schwarz-weißer Rasterung bemalte Silo in Brixen (2006) empfehlen uns als ersten Gedanken für ein psychoanalytisches Essay die Diagnose einer klaustrophobischen Empfindung angesichts der Stilisier- und Formbarkeit elektromagnetischer Felder. Stocker selbst erklärt im Kunstforum Nr. 182: "Das Raster hat mich immer interessiert, weil es ein expansionsfähiges System ist. Das heißt, man muss nicht die Frage nach dem Zentrum klären, da sich die Struktur einfach ausbreitet." Obwohl die Installationen aufgrund ihres ästhetischen Kontextes tatsächlich mehr an Minimal Art , Hard Edge Malerei, Möbeldesign und Raumgestaltungen erinnern und der informationstheoretische Gehalt von Stockers Rasterungen zwar als das Aktualum ihrer Werke gilt, ist das eigentlich Spannende selbst in theoriemüden Augen, dass formalontologische Theorien, die tatsächlich alles, was irgendwie physikalische Existenz besitzt, auf elektromagnetische Felder zurückführen, mittlerweile eigentlich zum Standard gehören. Die magnetsplittrige Ausbreitung schwarzer Holzstücke... sehr alludierend. Stocker also viel weniger Kritikerin einer technisierten Kultur als (unbewusste?) Portraitistin alles materiellen Seins?
Bewusst gesellschaftskritisch hingegen ist dagegen Klaus Berends, der ebenfalls Technisches darstellt, aber nicht in dem eleganten Styling, das elektroverfreakte Schwärmer erwarten und wie es z.B. die in gewisser Weise Landart-Installationen von Jetelová auch liefern. Alle drei Exempla sind in gewisser Weise wissenschaftlich: Stocker bildet unbewusst Ontophysikalisches ab, Berends analysiert reale Einwirkungen moderner Technologien auf die soziale und natürliche Umwelt, Jetelová zeichnet geographisch-physikalische Phänomene nach. Berends "Schlachtfeld" von 2006 besteht aus einem Hochspannungsisolator aus Keramik, Lautsprechermembran, Kupfer, Eisen, Holzpodest mit Leuchtdiodensignal. Die aktive Leuchtdiode zieht ihre Energie aus noch immer vorhandener Ladung. Berends, einer der Künstler, der noch auf die Frage "Was will er uns damit sagen" antworten kann, komponiert so ein kleines Kulturdenkmal zu neuen 'militärischen Technologien, die über niedrigfrequentige Strahlungen unsichtbar Einfluss nehmen' - erklären der Künstler und sein Kritiker ebenfalls im Kunstforum, ohne dass hier wirklich wissenschaftliche Erklärungen gegeben würden. "Air - Back" von 2006 hat sogar ironische Untertöne, stellt es doch eine kleine Kollektion an Accessoires dar, die man im Fall des Sauerstoffmangels zur Selbstrettung verwenden können soll, wenn das Absaugen von Luft aus Autoreifen dazu beiträgt.... Extremsituationen zwischen Kunst, Wahrheit und Ironie des Erschreckens über das Unvorhersehbare...

damit lassen wir nun auch alles enden, in einem Bild, das irgendwie auch mal PUNK war und nun wie ein Häschen von Hamilton aussieht und so zurückführt zu den vielen Stories, die man sich vor einem Kunstwerk aus Projektionsangeboten eben so ausdenken kann. ....



Bericht: Dr. U. Ritter

Bilder:
Einladungskarte zur Ausstellung "Abflug" von Magdalena Jetelová". Eröffnung am Dienstag, 19.30 Uhr, im H2 - Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast, Beim Glaspalast 1, 86153 Augsburg.
Fotos der genannten Werke von Stocker und Berends in Kunstforum international Nr. 182
"Bunny"- Bild Collage von Dr. U. & d.s.W. (Dr. U. Ritter) auf der Basis eines Fotos aus Kunstforum international Nr. 182,"Heavy Burschi" (1989/1990) von Martin Kippenberger.