Kunst für Russland * ART4.RU * Der vierte Kanal für russische Kunst * weltweit

Arts-on.com auf der Suche nach dem besonderen, russischen Impuls


Screenshot des neuen, privaten Museums art4.ru in Moskau, Webseite: www.art4.ru


Bereits in der Zeit von Katharina der Großen spannte Moskau schlagartig, trotz seiner Kälte, des kontinentalen Klimas, der strengen Rituale des Zarenreiches und der Ostkirche, die Flügel der Modernität auf und verbreitete mit den „Moralischen Wochenschriften“ im gesamten Land Kunst und Kultur, unterstützte und verbesserte die Gelehrsamkeit der Gelehrten und ermutigte Initiativen gegen den immer noch selbstverständlichen Analphabetismus. Später eine Revolution, irgendwie erfolgreich, geboren aus rasendem Elend, deren Ergebnis scheitern musste – die gesamten strukturellen Probleme unberücksichtigt lassend – eben weil das Land dieser Revolution schon geoklimatisch unregierbar war. Und nun, nachdem die Aufteilung in verschiedene, kooperierende Länder und die Etablierung eines vergleichsweise hippen Kapitalismus, der auch noch besonderen Wert auf internationales Showing legt, und nach der Integration in Zentren des englischen Glamourism, präsentiert sich Russland, insbesondere Moskau, mit sprachverwandten Nachbarn, Geld und Lebenskultur, wie ein Oxford-Graduierter, der Sprachen studiert hat und dann ein paar Jobs in der Diplmatie oder als Geheimdienstmitarbeiter gemacht hat, und nun sein Leben als Mann mit dem Vermögen zur Unabhängigkeit feiern möchte..


OK, wie wäre es also mit einem Museum, z.B. für zeitgenössische Kunst, um die Sahnehäubchen zu sammeln und dem einströmenden Touristenstrom einen Überblick über die russische Kunstszene zu geben?

Art4.ru – ein Museumsname, der exakt an die Darstellungsformen des Internets angepasst ist, art4 – art four, sprich „art for“´, verschmilzt mit der Adressänderung für Russland, „ru“, um Sinn zu entfalten, den das Museum dann erfüllt? So sieht es zumindest aus jeder Sicht aus, selbst der fernste Blick findet in der art4.ru die Aufhellung seines Wissens um die russische Kunst in der umfangreichen Webgalerie, die jedes vorhandene Werk eines art4.ru Künstlers (oder einer der wenigen Künstlerinnen) vorstellt. Kurz nach der Einrichtung der Webseite 2005 fand eine ausschließlich virtuelle Ausstellung zeitgenössischer russischer Kunst mit 30 Werken statt. Neben der Galerie kann man sich auf der Portalseite einen Überblick zum aktuellen Ausstellungsgeschehen in Moskau verschaffen. Der des Russischen nicht Mächtige, wird sich allerdings mit den Ergebnissen üblicher Übersetzungsprogramme im Internet zufriedengeben müssen. Oder er liest die art4.ru Seite nur bis zum September 2007, soweit die Ausstellungen betroffen sind, denn soweit liegt eine Übersetzung ins Englische, von den MuseumskuratorInnen erstellt, vor. Die Veranstaltungsübersichten, die nicht nur Moskauer Kunstleben sondern auch die weltweiten Ausstellungsbeteiligungen der gesammelten KünstlerInnen berücksichtigen, ist dann erfrischend international: Fast jede, mindestens jede zweite der verlinkten Galerien mit einer englischen Webseite versehen.


So... nun – was wir an dieser Liste sehen können, bleibende Eindrücke von Projekten zwischen 2006 und jetzt: 14.08.2006 eine schwierige, wirklich seltsame Ausstellung mit dem Thema Tod & Zerstörung, zerstört – mit vierzig KünstlerInnen aus 24 Ländern. Einige von ihnen gingen einfach roh, ungeschlacht, mit dem Thema um. Andere erfassten das Double-Bind (Doppelbindung, hier als psychologischer Fachbegriff einer problematischen, auch widersprüchlichen Doppelbindung) zwischen schöner Oberfläche und dem kritischen Anstoß des ins Werk gesetzten Grauens. Leider muss man für nähere Informationen die KünstlerInnen auf deren eigenen Webseiten suchen oder sie im Katalog des art4.ru wiederentdecken, ebenfalls nach längerem Durchsuchen der Bildergalerien – die Werke der Ausstellungen nämlich sind komplett unbeschriftet! Nach umfassenderen Erforschungen des art4.ru Katalogs sind wir aber in der Lage, Ilya Kabakov und Arzamasova-Evzovich-Svyatsky-Fridkes von der vergleichsweise wichtigen AES + F Gallery zu identifizieren.










Die Installation oben links zeigt eine ziemlich märchenhaft gekleidete und frisierte Frau mit einer Eisenschiene am Bein, so wie man sie (früher) bei Erkrankung an Kinderlähmung trug. Dieser umgangssprachlich-medizinische Name der Erkrankung ist eine Art Inhaltsangabe des Kunstobjekts, darf quasi für dessen Interpretation verwendet werden, z.B. Schneewittchen bei den Sieben Zwergen – gelähmt bis tot – nachdem die Zwerge aus dem Haus sind – die Wiedererweckung und Überführung in die „kinderlose“ Ehe.

Unter diesem Installationsfoto ein hyperrealistisches Werk, das im Vordergrund einen Jungen in heldischer Pose zeigt, im Hintergrund kleine private Schlachtszenen mit Baseball-Schlägern, bezugnehmende „Zitations“-Kunst, die, wie man später erfahren wird, im Kontext einer serienartigen Auseinandersetzung mit Gewalt, Ideologieinfiltration, militärischen und paramilitärischem Islamismus und weltweiter Jugendkultur steht.


Rechts, eine kleine Skulptur, die mit ihrer realistischen Inszenierung von Situationen aus kleinen Figuren an Sprichwörter erinnert wie „das Kind aus dem Brunnen holen“, bzw. das genaue Gegenteil des Sprichwortes inszenieren könnte – und weitere, nahezu eine komplette semantische Gruppe solcher Inhalte (das Kind mit dem Bade ausschütten etc.).


Die eher rohen Kunstobjekte in der Ausstellung: ein reales, ehemals lebendiges, nunmehr totes Pferd; Würmer und Insekten in Fleisch bzw. Bilder von ihnen, weit jenseits barocker Doppelbindungen.


Im September 2006 fand eine Ausstellung über die Kunstszene in der Ukraine statt: Wunderbare, postmoderne Kunstwerke, die sich nahezu laut an die internationale Kunstszene anschmiegen. Ein Werk ist noch geradezu ein Prospekt süddeutscher und österreichischer Ausstellungen aus den Jahren 2007-2008 (also nicht abbildend sondern mehr vorbildend, da selber zuvor entstanden):


Von links nach rechts erkennt man Gilbert & George, Eva & Adele, Marcel Duchamp, im Hintergrund oder am Tisch Cindy Sherman, Jeff Koons und all die anderen, „die man so kennt, *you know*“




Außerdem 2007: die zweite Biennale der Zeitgenössischen Russischen Kunst mit dem Thema „Glaube“. Mir ist eine Installation aufgefallen, die sich auf Bildtraditionen aus der christlichen Liturgie selbst zurückbezieht, diese jedoch in dem weniger bewunderten semantischen Feld der sexuellen Triebe und Instinkte neu erzählt. Ein wunderbares Stück, eine Installation, wie die Werke der „Tod und Zerstörung* Ausstellung klar und lesbar, aber neue und kritische Aspekte zeigend, darunter auch formale, wie funktionale Installationen und religiöse Liturgie, hier insbesondere die Ikonen der Ostkirche und, allgemein, kirchliche Liturgie als Kunst der Inszenierung.


Innerhalb des Federation Tower Travel - Project zeigen die beteiligten KünstlerInnen u.a. Varianten des „sozialistischen Realismus“, der durch künstliche Farben und überesteigerten Authentizismus ins Surreale weist. Mit Dmitry Tsvetkov, der vor einigen Monaten eine Ausstellung im art4.ru mit seinen aktuellen Werken bestückte, war ein Künstler zu sehen, der, ähnlich an eigene Traditionen anknüpfend, mit alten Symbolen und der Art und Weise, diese zu tragen, arbeitet. Einige seiner Zeichengebilde aus Stoff und auf Stoff sind klassische Zeichen mit hinweisender Funktion, wie zum Beispiel Pfeile, die konkret von Kriegsplänen bekannt sind, auf denen man den Heeresverlauf in dieser Weise markiert. Andere Zeichenformen Tsvetkovs sind kleine Tiere, weit entfernt von jeder politischen oder militärischen Anspielung, alles aufgenäht oder geklebt auf riesige Teppiche oder andere Materialien, die an Kleidungsstücke erinnern – wie auch immer, diese Kunst ist, insbesondere weil von Männerhand geschaffen (vgl. sonst Cosima von Bonin), ziemlich speziell und ungewöhnlich in der internationalen Kunst, jenseits vermännlichter *Hauptströmungen*.

Ebenso entfesselt ist Dmitry Kavarga in seinen „Biomorpfny radikal“ Objekten. Jenseits des geometrischen Bildraumes und der Semanitizität aktueller Werke inszeniert er in „Biomorfny Radikal“ mit biomorph-abstrakten Formen andere Konturen und Inhalte, wenn auch letztere weniger erkennbar oder populär wie in den Werken von Kirill Shelushkin, der neben seinen architektonischen Skizzen auch sexuelle, quasi „pornografische“ *Sujets* :) zu ziemlich witzigen und absurden Bildern kombiniert, und im art4.ru mit zahlreichen Zeichnungen vertreten ist.

2008 dann, eine Einzelausstellung von Dmitry Kavarga in der Galerie Pop / off art, betitelt „Martion Mission Erotics“ - Mars Mission 'Erotik' - mit exotischen, biomorphen Formen in verschiedensten Medien: eine Art weißes Gummi-Latex-Polypropylaen mit zerrissenen Rändern, dort hineingewirkt mechanisch anmutende Maschinenteile, die so wie Nadeln oder Schrauben wirken, mitunter noch kombiniert mit radiografisch anmutenden Bildern aus dem Inneren des Humankörpers. Die quasi zerfetzt und zerrissen, de-morphisiert anmutenden wecken so die Aufmerksamkeit für das eigentlich Unnatürliche ihrer Beschaffenheit: die Natur, so wie unser Auge sie sieht – selbst unter dem Mikroskop – ist in der Regel eher oval, abgeschlossen, „morphisch“ (morphin?). Lediglich bei Flüssigkeiten und ihren Kristallisierungen gibt es für Momente zerrissene, de-morphisierte Strukturen wie in „Martion Mission Erotics“. Also Sperma, von Männerphantasien teilchenbeschleunigt und ziellos versprüht, quasi explodierend. Als ästhetisches Vorbild, aus dem dann naheliegendere Assoziationen hervorgehen, wie künstliche Häute für pornografische Theaterspiele, Gummipuppen etc. Die klassische Deutung wäre vielleicht die saure Milchsuppe Heras - aber welche Frau, außer Cindy Sherman als Maria lactans, spritzt schon mit ihrer Muttermilch herum wie ein pubertierender First-Shooter? (Die griechische Mythologie würde jetzt antworten: *Das meinten wir ja* - wer mehr wissen will, liest auf wikipedia nach...) Eine kulturelle Assoziationsanalyse durch den Künstler? (Hm....)

Dmitry Gutov ist ästhetisch eher konventionell, aber seine Inhalte und einzelne Aspekte seiner Arbeiten werden gerne, und wohl korrekt, als Kritik westlicher Kultur angesehen. Sein „Zaun“ war auf der documenta 2007 zu sehen. Die Palimpsest-artige Struktur seines Kunstwerkes, eine Installation, zeigt typische osteuropäische, marxistische und asiatische Inskriptionen von berühmten Autoren, und wird so zu einem die Erinnerung an diese individuellen Theorien und Gedanken anmahnenden Raum, die als individuelle, autographisch-auktoriale Äußerungen und menschliche Werke, etwas vollständig anderes sind als die gefallene, staatlich, d.h., in staatlicher Abstraktion verordnete Mauer.

Das Festival für junge KünstlerInnen zeigte eine hochgradig heterogene Sammlung von Versuchen zum Thema „Raum“. Wieder verbinden zahlreiche Werke etwas ziemlich Rohes mit *Stylishness*, Normalität oder sogar Schönheit. Das interessanteste Stück eine Installation, war vielleicht das hier fotografisch vorgestellte Werk, das Käfige mit Tierpuppen an die Raumdecke hob, auf Hühner und Hähne nur anspielend, eher abstrakt, etwas süß und Plüschtierig. Durch die Innenräume der Käfige führen dünne Drähte, die den ohnhin engen Raum noch weiter verkleinern. Diese Drähte wiederum geben selbst noch (oder zumindest?) auf der Fotografie den Eindruck von Bleistiftzeichnungen oder eben zeichnerischen Zügen, betonen so den inszenatorischen Aspekt der Installation, wie um den Betrachter zu provozieren, selber den Realismus dieser Darstellung zu behaupten und Käfigtierhaltung oder Tierquälerei als Thema zu benennen. Auf diese Art ist das Werk erneut eines, das mit neuen formalen Aspekten relativ eindeutige Inhalte kommuniziert und, quasi immanent, auch die Struktur dieses Vermögens zur semantischen Evokation zu erhellen. Offensichtlich schert sich die zeitgenössische Kunst in Russland nicht sehr um den semantischen Ansatz des sozialistischen Realismus, sondern transformiert diesen einfach komplett in verschiedenste Sprachen der Kunst.


Am 9. September 2007, entschied das art4.ru, so lesen wir auf der Webseite, digitale Kopien der Sammlungsstücke öffentlich zu geringen Preisen verkaufen. Ziel sei, die Kunst in jedes Wohnzimmer zu manövrieren und armen Bevölkerungsschichten die Beschäftigung mit Kunst zu ermöglichen. Sehr nettes Projekt, finden wir, schon wegen seiner Selbstlosigkeit – unironisch - muss man doch für das art4.ru keine Nummer in der Besucherstatistik sein, um Objekt der kunsterzieherischen Fürsorge zu werden. Man muss also die Notwendigkeit des Ortes Museum als geselligem Raum nicht unbedingt bestätigen. Der Umgang des art4.ru mit digitalen Speicher – und Kommunikationsmedien ist, so kann man auch an diesem Angebot sehen – erfrischend engagiert und kooperativ.




Ebenfalls noch letztes Jahr wurde Kunst von einem Künstler vom art4.ru angekauft, Igor Shelkovsky, der in der Tradition des Russischen Konstruktivismus kleine Ojekte entwickelt, die wie technisch-handwerkliche Werkstücke aussehen, Platten für Schrauben oder für verschraubte Teile von Maschinen. Diese fiktiven Werkstücke kommen in einheitlichen Farben daher, mitunter kombiniert mit kleinen Zeichnungen der Stücke selbst, eine Art besonderer, industrieller Realismus oder „neue Sachlichkeit“ , treffender reiner Funktionalismus jenseits der Funktion, irgendwie absurd, aber interessant in der Art und Weise, wie transfigurative Aspekte sichtbar oder auch vermieden werden – also die Fähigkeit von Kunst, im Sinne Arthur Dantos als „verklärt“ zu erscheinen. Eher jenseits des Glamours, sondern strenger konzeptionell, stellte Shelkovsky bereits 2000 in Wien in der Ausstellung „Kunst im Untergrund - Nonkonformisten aus Russland seine Werke vor. art4.ru hat das *Werkstück* dagegen gerade jüngst erst in die Sammlung aufgenommen.


Die art4.ru Portalseite führt zwei Galerien mit deren Projekten auf, auf jeden Fall auch von internationalen Ausstellungen bekannt – zum Beispiel von Frieze – und zum Teil schon von uns erwähnt: Die AES + F Gallery und die XL Galerie.

AES + F zeigte in einer großen Themenausstellung Werke von Arzamasova, Evzovich, Svyatsky und Fridkes, die u.a. weltweite Spannungsgefüge wie die einer internationalen Jugendkultur und religiösem Fanatismus untersuchen. Die „Baseball-Fashion“ vom Beginn dieses Artikels ist eines ihrer Werke.


Die XL Gallery gehörte zu den wenigen Zugelassenen bei FRIEZE und stellte am 21.02.2008 unter dem Namen "Recycle" - Andrei Blokhin und George Kuznetsova vor, die mehr oder weniger alltägliche Objekte und Strategien der inneren Sicherheit und Biometrie in rätselhaften Installationen inszenieren – zum Beispiel als Wand voll säuberlich angeordneter Blutbeutel, - man denkt an die Klagemauer (über eine andere Assoziation, wie z.B. Blutspritzer von Erschießungen oder auch Skandale um den Umgang mit Blutkonserven in Krankenhäusern und der Medizin allgemein.) Vielleicht wegen der Wand ? - drängen sich positive Assoziationen eher nicht auf, - wobei dieser Aspekt offenbleibt, eben wegen des echten Assoziationsbedarfes für eine nicht-formalistische Interpretation ( einfach hübsch angeordnet) individuell.


Obowohl auch Ivan Chuicov, geboren 1953, von der XL-Galerie vertreten wird und auf internationalen Ausstellungen zu sehen war und ist, erreicht er (finden wir) nicht wirklich die Qualität oder Intensität solcher Kunstwerke. Zahlreiche Werke von Chuicov können in der Online-Galerie des art4.ru angesehen werden. Wie bei Shelkovsky, ist es vielleicht die Geschichte des Künstlers, die seine Werke zu Repräsentanten einer lange Zeit unterdrückten Kunstauffassung und Ausübung macht, in Wien vielleicht für die Siebziger / Achtziger Jahre etwas hochtrabend betitelt als Untergrund-Kunst, ein Ausdruck, der an die französische Resistance erinnert. Seine Werke, z.B. das dreidimensionale Objektbild „Windows“ werden als Zeichen des Wunsches verstanden, eine liberalere Situation im täglichen Leben und für alle zu erreichen.


Spannend, weil völlig heterogen, ist Dimitry Gutova, der mit zahlreichen Stücken in der art4.ru Sammlung vertreten ist, und zig Ausstellungen in Russland und anderswo hatte. Seine Webseite stellt ihn als dermaßen produktiv dar, als würde er morgen sterben: www.gutov.ru

In der art4.ru Sammlung ist er mit vergleichsweise nostalgischen Stilleben vertreten, Zwiebeln, Knoblauch und andere klassische Dinge des täglichen Lebens und des stillen Lebens der Kunst. April 2008 waren neue Arbeiten in der Galerie M & YU Gelman zu sehen: Installationen alter oder altmodischer Objekte, einfach in Metallgitter hineingehängt oder gebastelt, wobei die Gitterform der Gestelle durch ihre kunsthistorischen Kontexte die Gegenstände auf ein abstrakteres Niveau hebt. Gutovas Beschäftigung mit Alltagskulturen und Objekten der eigenen Kulturgeschichte im Vergleich zu einer anderen – der amerikanischen Moderne – gewinnt Züge, die über die russische Kunstszene Aufschluß geben, wenn man sie mit Fotografien wie denen von Martin Parr – z.B. die Bilder der russischen Millionärsmesse – vergleicht, die Russland nicht nur das (adaptierte) Erscheinungsbild sondern auch eine Art inneren Wunsch nach „Pomp and Circumstance“ unterstellen. Gutovs Objekte zeigen die russischen Künstler eher sehr *still* und etwas retrospektiv mit dem Thema der Mehrwert-Transfiguration in der internationalen Kunst beschäftigt.


Auch die anderen Projekte und Serien, die Gutov auf seiner Webseite vorstellt, sind in gewisser Weise Dokumente des Grotesken im Realen, aber eben nicht glamourisiert, nicht transfiguriert, sondern ins Werk gesetzt wie um die eigene Absurdität zu genießen und daraus quasi künstlerische Energie zu ziehen. Das Unterfangen ist natürlich äußerst unterhaltsam und vielleicht sowohl aktuell als auch international in der zeitgenössischen Kunst: grotesk oder nahezu vollkommen verrückt zu sein – man denke nur an die merkwürdig-absurden Posen in denen sich die Modelle von Sarah Jones inszenieren. Vielleicht wird dieser Trend ja bewusst von der englischen Messe Frieze forciert und speist sich aus den Traditionen englischer Exzentrizität (Fußball-Foto von Dmitry Gutovs website) ?


In der art4.ru Sammlung und der Galerie M & YU Gelman finden wir außerdem noch Alexei Kallima, der auch wegen seiner politischen Inhalte, insbesondere der Auseinandersetzung mit dem Tschechenien-Krieg, bekannt ist, die er in eher traditionellen Techniken umsetzt, so heißt es in den Erläuterungen.






Die Online-Galerie des art4.ru zeigt dann aber vollständig heterogene Werke, einige Stücke wie aus der Zeit des Abstrakten Expressionismus mit mehrdeutigen und abstrakt-konkreten Bezugnahmen auf Werke jenes Stils zum Spanischen Bürgerkrieg, wie Motherwells „Elegy on the Spanish Republic“ (1948-1991); und andere, mehr postmoderne oder zumindest eher interessiert an einem Stil, der Selbstdarstellung zur Inszenierung betont männlichen oder männlich-homosexuellen Selbstbewusstseins nutzt, eine Mischung aus Clemente, Salomé und Immendorf, nicht allzu einfach in den Kontext des Tschechenien-Krieges hinein zu lesen. ( ein nicht einmal goldener Helm wird dafür nicht reichen).

Dennoch, oder deshalb, ist er einer der Interessantesten der Sammlung, ohne ein ausdrückliches, individuelles Konzept, nahezu 'herummalend' auf verschiedenen höheren Niveaus, weit diversifiziert.


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Eine Künstlerin im Bestand ist Natalija Nesterova, wie Gutov einerseits in der Tradition des Absurden stehend, andererseits, wie Kallima, zur Postmodern aufschließen -selbst wenn die Bezugspunkte dabei eher der Italiener Sandro Chia und die deutsche Kunst der zwanziger und dreißiger Jahre sind, wie z.b. Otto Dix und Conrad Felixmüller (als Beispiel, sein Selbstportrait mit Sohn, hier entliehen von der Webseite www.musee-imaginaire.de) – mit kräftigen, strahlenden und fleischigen (pastosen) Strichen und Konturen, ein vereinfachter Realismus, wie vom Zufall diktiert und sonntags im surrealistischen Stil gemalt: Frauen rückseitig mit großen Fischen als Köpfen, Pianisten wie gefangen und gehandicapped von ihren Partituren. In einigen Stücken, wie “Rote Einrichtung“ oder „Reflexion“ sind die Szenen komplexe Geschichten und Darstellungen, wie man Personen spiegelt und anordnet, und was mit ihnen in Räumen, im Raum und in der künstlichen Fläche von Bildern geschieht.


Um diesen Artikel endlich ins Internet stellen zu können, fasse ich mich jetzt kurz und „kopiere“ die EinzelkünstlerInnen betreffenden Ausstellungshinweise einfach von der Webseite www.art4.ru. Ob und wie wenn bzw. womit die KünstlerInnen im art4.ru vertreten sind, wird natürlich weiterhin erwähnt.


09/25/2008 | Nikita Alexeev "Es ist. Es funktioniert nicht. Das ist. "

3. September – 30. Oktober GMG Gallery

Einige sehr lichte Zeichnungen werden vom art4.ru gehütet, eine Serie mit Namen „Todes-zeichnung“ von 2003. Alexeev verwendet Wörter um Kontraste und Unterstützungen für seine bildlichen Zeichen und Figuren zu entwickeln, manchmal comicähnlich, alle relativ jugendlich, mitunter sogar freundliche kleine Hunde, zwillingsartige, :), als auflockernde Motive (Wir beschweren uns darüber sicher nicht!). Die grafischen Traditionen der Werbung und Plakatkunst werden sichtbar. Die Galerieausstellung ist auf der einschlägigen Webseite mit fast allen Werken vertreten, sodass noch deutlich wird, dass wieder in unterschiedlichster und mitunter unvollständiger Form Medien und Bourdieu'sche Unterschiede (quasi Geschmacksgruppen in verschiedenen gesellschaftlichen Szenen weltweit) vermischt und vermischt-referenziert werden.

Dabei entpuppt sich die westeuropäische und amerikanische Tradition der Moderne als Quelle für den Umgang mit Medien, wie in einem schwarzen Bild, das an Böcklin'sche Landschaften oder anderes Romantisches erinnert, aber „nur“ eine schwarz anmutende Fläche zeigt, wie bei Ad Reinhardt. Von dem weißen Halbkreis einmal abgesehen... Das Bild wird – nicht metaphorisch – mit einer Maschine verbunden und aufgeladen, aufgeheizt? Als Meta-Kunstmetapher gibt uns Alexeev so zu verstehen, dass das schwarze Quadrat (Malevitch) noch immer funktioniert.



19.09.2008 |Electroboutique, Kreta-Pop | Electroboutique, Vladislav Efimov, Aristarchus Chernyshev, Alexei Shulgin

Alexei Shulgin ist im art4.ru mit einem eher klassischen Stich vertreten, der als Werk des 1963 geborenen Künstlers nur Konzeptkunst sein kann. Shulgin ist wie Gutov vergleichbar hyperaktiv und im Internet als Künstler sowie als Mitglied der Gruppe „Elektroboutique“ bekannt, die sich mit älteren und neueren medialen Formen beschäftigt, z.B. „tv“ und seine Ausformungen, das Op-Artige des „Black rubric's cube“ (ausgehend vom Geometrie-Spielwürfeln), mit materialen Qualitäten des klassischen Films (fundamental für alle experimentellen Filme), oder *direkt* mit Op-Art, den „Nirvana transitions“ von Electroboutique. Die Gruppe verbindet eine neue, medimaniatrische Sicht mit einer Art von Analyse – wieder einmal – der amerikanischen Kunsttraditionen seit 1949, ungefähr so wie Optiker, die das Museum Ludwig in Köln erkunden... weil diese besonderen Optiker Anspruch auf ihr Copyright haben, wurden sie von ARTS-On. nur gesrceenshootet (?!), was jedoch unbedingt erforderlich war, um unsere LeserInnen von unseren Gleichnissen und Vergleichen zu überzeugen...



Als nächster kommt Wim !

17 Ermolaevsky Lane, 19. September bis 19. Oktober 2008

Wim Delvoye. Neue Werke

Wim Delvoye ist natürlich kein Russe sondern Belgier, der mit den tätowierten Schweinen und inneren Körperpartien, nach außen gekehrt...gulp? - die Werke sind zu sehen in der Galerie Diehl, die ein zentraler Umschlagplatz für russische Kunst in Berlin ist, aber in diesem Fall in Moskau ausstellt:

Diehl + Gallery One, 5/13 Moskow, Smolenskaja Nab., 5 / 13


Zwei weitere Künstler mit Werken in der Kollektion des art4.ru sind in einer laufenden Ausstellung des Puschkin-Museums zu finden:

16.09.2008 Ilya und Emilia Kabakov "Gates", Puschkin-Museum der Schönen Künste, Volhonka, d.14, 5. Eingang, 16 September - 19. Oktober 2008


Die subtilen Miniaturskulpturen weisen mitunter eine rätselhafte Narrativität auf, wie in der Tod & Destruktion – Ausstellung, die wir zu Beginn dieses Artikels vorgestellt haben (zwei Männer, die ein Baby über einen Brunnen halten etc. ). Seltsame und sehr idiosynkratische Werke, die wie dieses noch gesammelt werden könnten, also im Puschkin-Museum, weitere, bereits in die Sammlung aufgenommen, zum Nachschauen hier über diesen Link: http://www.art4.ru/ru/artists/detail.php)


Zu guter Letzt, 15.09.2008 Galina Emelina | STOLIKI ALLE BÜCHER, Galerie Fine Art

11.09-09.10.2008 B. Sadovaya 3, geb. 10, zeigt Bilder von zerschnittenen Stühlen in Bewegung oder Stillstand, wieder eher nicht nachvollziehbare Verrückungen von Figuren und Posen, aber keine Menschen sondern Objekte, die vor allem dazu dienen, Farben in Schwung zu bringen... muss erst noch gesammelt werden.


Und nun, alle art4.ru KünstlerInnen, die erwähnten und die unerwähnten, zur Betrachtung durch unsere LeserInnen – das ist der Link, der Sie durch die Online-Sammlung des art4.ru führt:

www.art4.ru/ru/collection/


Bericht: Dr. U. Ritter

Photos: (c) bei den KünstlerInnen, Galerien und dem art4.ru