Akzident, Inzident und Immanenz....vom freiheitlich-frechen Flatus zum fade-fehlfarbenen Retro-Stil in der aktuellen deutschen Kultur. Ein Vorwurf von...
Ulrike Ritter
Beginnen wir mit einigen Bildern von Sandra Chia aus den Achtzigern.

Incident at the Cafe Tintoretto, 1981, oil on canvas, 256.5 x 340.3 cm

Speed Boy, 1981, oil on canvas, 204 x 205.7 cm
Ob Barock oder Futurismus, alles etwas hyperallegorisiert, eigentlich eher komisch, wenn nicht komplett unheroisch bis ins eben Komische. An die Stelle der Schüler des Meisters oder der entzückenden Modelle treten bei Chia die "little bears", liebe kleine Bärenfiguren:

Painter and his Little Bears, 1984, oil on canvas, 272.5 x 296.1 cm
Das offensichtlich der zeitgenössischen Trivialkultur entnommene Motiv des "Kleinen Bären" trifft schon in den Achtzigern ungeahnt ins Schwarze, wie sich im Weiteren zeigen wird.
Es war in diesen goldenen Achtzigern, als die Kunst, genauer, die Malerei, sich in Abwehr und Abkehr vom intellektualisierenden Dogma der Konzeptkunst wieder dem dröhnenen Witz und der farbenfrohen Narration zuwandte. In einer unterhaltsam avantgardistischen Ausstellung im sonst so unscheinbaren Bielefeld präsentierte der damalige Kurator des Hauses, Erich Franz, später Kurator in Münster, die drei Italiener Enzo Cucchi, Sandro Chia und Francesco Clemente. Chias 'flatus', die Rückenansicht eines sich gelbfarbend sichtbar entlüftenden Mannes in einer blauen Grotte, ähnlich dem Speed Boy und dem Inicident in den Abbildungen oben, war Hammer und Schrecken zugleich, Extremsymbol der "Neuen Wilden", die dann in der deutschen Version von Salomé und Elvira Bach jedoch viel harmloser und etwas uninteressanter waren als die doch auffällig idiosynkratischen und - oder kritisch - narrativen Italiener. Der 'flatus' erweist sich retrospektiv sogar als eine Art Leitmotiv der zitierenden, dekonstruktiven Kunst von Chia. Insbesondere dieser, der Derbste, Chia, wurde dann auch mit ebenfalls lustvoll extremen Methoden im Kunstmarkt auf und abgeworfen, - wie man weiß - wir berichteten - durch den Werbemagnaten Saatchi bzw. die Galerie zur berühmten Werbeagentur.
Ebenfalls in den Achtzigern boomte in Berlin das avantgardistische Möbeldesign, das freiheitlich-frech mit italienischem Einschlag Scherze in die Wohnzimmer- und Teppichgestaltung integrierte (Andreas Brandolini), Narrationen (Christian Obst) oder sich "wilder" Materialien in Anlehnung an die Objects trouvés der Moderne (Stiletto) bediente, also z.B. einen Einkaufswagen zu einem Sessel verbog oder Schläuche aus Duscharmaturen zu Lampen umfunktionierte. Schließlich explodierte auch, quasi früheuropäisch, das schwedische und spanische Objekt- und Möbeldesign von der Funktionalität hinein in eine Welt aus Stories, Löffeln als Sexobjekten, rasender Unbrauchbarkeit, erster ökologischer Vernunft (Recycling!), Kunstnähe und Experiment. Das Ergebnis dieses gehobenen Schenkelklopfens, abgefeiert vor allem in der seit Ende der Siebziger Jahre viermächteabgekommenen, aber noch geteilten Stadt Berlin war, salopp gesagt, der Mauerfall. Kurz: Das westdeutsche Ende der Bauhaus- und Konzeptkunsttraditionen war in etwa vergleichbar der Beschallung Kubas mit der Musik der Rolling Stones durch die USA, nur viel wirkungsvoller.

Brandolini auf der documenta 8: * "Deutsches Wohnzimmer", documenta 8
Die Bratwurst mit Blick auf den Temperaturregler, eigentlicht suchend den Kamin, der listig als Teppich unter ihr funktelte, all das im klassisch-modernen Wohnzimmer, mit der der Möbeldesigner Brandolini auf der documenta 8 reüssierte, war insofern ähnlich extremsymbolisch wie der flatus von Sandro Chia: Die Enthemmung und Lustinnovation der 80er ließ sich für die "Ossis", denen ihr fehlfarbenes Grau zu bunt wurde, auf gelbe Bananen und Uhsische Dessous reduzieren, zumindest erst einmal. Beim ersten Ansturm, der ersten Welle über Berlin.
Und heute? Warum das Geschwafel von alten Zeiten? In unseren neuen Zehnern geschieht nun das Seltsame, dass diese Achtziger, die eigentlich durch und durch bewusst, zwar schenkelklopfend, aber auch selbstreflexiv und kulturironisch gewesen sind, wiederholt werden in gezielten Retrostilen, wie einstmals die Fünfziger, die eben das von den Achtzigern unterschied: Die Fünfziger waren hemmungslos schlicht und natürlich unreflektiert, insbesondere in ihrer Inszenierung von Wirtschaftswunder und neuer Weiblichkeit, eben mit der 'Folge' der dieses Frauenbild kritisch beäugenden Siebziger Jahre. Die Achtziger waren offen 'enthemmt',. kritsch und selbstkritisch, aber sowenig antikommunistisch wie die Musik der Stones. - Und stehen jetzt da als anchor-objects der gelungenen Zusammenfügung. Nun, warum nicht! In der Art und Weise, wie nun die Achtziger wieder aufleben, findet sich dieser Aspekt jedoch gerade nicht. Die Welt, die die Achtziger als Urheber aktueller Designtendenzen entdeckt - in gewisser Weise in den Spuren von Volker Albus, dem Autor und theoretischen Begleiter des Designs der 80er - reduziert den Einbruch der Ver-Rückung von Dingwelten, wie er für die Achtziger typisch war, sei es Duschschlauch, Einkaufswagen oder Bratwurst - auf Materialien wie Beton und Stahl, Beton und Glas, Beton und Beton... Mit Entsetzen lese ich, dass der Beton zum Teil sogar bemalt wird... Irgendwo liegt bei meinen Verwandten noch so ein Stück bemalten Betons herum, wie sie 1990 zu Tausenden in Berlin verkauft wurden....Aus aller Welt reisten Touristen an, um sich so ein Stück bemalten Betons aus der Berliner Mauer zu hackseln oder es zumindest auf dem Kudamm zu kaufen. Bemalter Beton als Retrostil der Achtziger, als neue, unscheinbar formalistische Designaufgabe, erschreckt mich.
Die WELT über 80er Retrodesign

5,95 EUR, incl. 19 % UST exkl.Versandkosten, Art.Nr.: 95-ne-0-050
Original Berliner Mauer-Stein im Acrylaufsteller, 3verschiedene Größen
Gnadenlose Blindheit herrscht gegenüber dem Problem der Immanenz und der Geschichte, in der sich Kultur, eben auch Design, als Ausdruck, mitunter auch Instrument des Zeitgeschehens bewegt. Die Zehner-"Generation" ist geblendet und weichgekocht? Nicht ganz, denn, so erschreckend wie möglich, ist die neue Seichtigkeit des Seins zumindest im Moment genuin deutsch. Bevor jedoch die spanischen Antidots auf das E-Papier gerufen werden, soll noch ein deutsches Beispiel für die Verkehrung des Chia'schen flatus in deutsche Seichtigkeit gegeben werden. Wir haben es so verschwommen fotografiert, wie es - als Kunst präsentiert in der Neuen Galerie im Höhmannhaus - kulturverwaschen und verschlafen ist. Die Farben sind wirklich eher abgetönt als leuchtend bunt, wie es quasi farbstoffangereicherte Pressefotos nahelegen!
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Florian Balze namentlich, tritt mit Objeken als Künstler und Bildhauer auf, die den Vergleich mit avantgardistschen Möbeldesign relativ zwingend nahelegen. Seine Objekte erinnern an Regale, Sessel, Stühle, Tische, die Farbgebung sowohl an die Italiener der Achtziger als auch, weil etwas abgetönter und mit viel beige und Braun gemisch, an die Fünfziger. Wer so Retro ruft, wird auch als Retrospektiver wahrgenommen. Aber in der Kunst gab es ähnlich - böse gesagt "Geistloses" - eigentlich bisher nicht. Balzes Werkesind weder minimalistisch noch formalistisch. Form oder Material werden weder erschließend noch dokumentativ exemplifiziert.
Die Gegenstäände erinnern vom ersten Eindruck bis zum abschließenden Kontrollblick an Möbeldesign, das einen Schritt über die Prototypen der Achtziger hinausgeht: Es ist komplett dysfunktional. Das Regalobjekt ist als Regal nicht zu gebrauchen, die Bodenobjekte sind nicht zum Sitzen geeigent usw. Kunst unterscheidet sich also vom Möbeldesign, so lernen wir in dieser Ausstellung, durch ein funktionales Defizit. Aber macht ja nichts. Denn seit Augsburg von der CSU und den Freien Wählern regiert wird, sind ohnehin in der Kunst nicht mehr die Werke entscheidende und deren Eignung zur Präsentation sondern die Urheber dieser Werke. Das begann mit dem Liebling eines Lieblings, Alexander Knych, ausgewählt von Markus Lüpertz, der in den Hallen des Schaezlerpalais' einen Preis verliehen bekam und den Kunstsammlungen und Museen eine mehr als einfältige, antimodernistische Skulptur schenken durfte. Es geht nun weiter mit Florian Blaze, der durch Betuchtheit und etwas elite-englischen Schliff - wie das neue russische Publikum in Augsburg es liebt - für eine Einzelausstellung ausgezeichnet geeignet ist - weit mehr als seine eher extrem uninteressanten Werke.
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Wie Gegenwartskunst sich der Idee des Designs und der Möblierung nähern kann, ohne die eigenen Konzeoption, die Freiheit der Kunst und den eigenen Anspruch fallen zu lassen oder auf einen 'flatus' zu reduzieren, zeigen ja z.B. die Werke von Esther Stocker, deren elektromagnetische Felder als Rauminstallationen mitunter von der Künstlerin bewusst in die Nähe zu Bestandteilen eines Mobiliars gebracht werden, aber eben um wirkliche begriffliche Spannung zu erzeugen und nicht um mit Seichtigkeit zu enttäuschen.
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Doch wir sind keine Gegner des lustigen flatus und des Mauerfalls. Deshalb zeigen wir nun noch einige Beispiele, die Möbeldesign als gehobene Spaßvögelei (ja, wir denken hier ans sogenannte Vögeln) erscheinen lassen. Die Rede ist von BDBarcelona, die spanische, anti- und postfaschistische Legende,
die das Fähnchen der witzigen und beherzten Modernität noch nicht wieder frankistisch umgefärbt hat. bdbarcelona hat jüngst entdeckt, das TotalSchwul immer noch ein hemmungsloser Hit ist. Unter Betuchten, die sich Möbeldesign leisten können und wollen. Deshalb gibt es dort, im Internetshop von bdbarcelona, nicht etwas unsitzbar genitalische Skulpturobjekte, sondern neue Sitzideale in der Form schicker Herrenpopos: CUL IS COOL ("Cul" ist auch der katalanische Name für den Hintern).
Idealsitze, die gleich ganze Konferenzräume füllen können, ungefähr so:

Die Krise einfach aussitzen, bestätigt hier auch der Reiter, umgeben von homoerotischer Doppelsinnigkeit, sodass entweder mit japanischer Haifischflosse oder zumindest mit Stäbchenkost gekrönt die Mittagspause mit Sicherheit im Konferenzraum selbst stattfinden kann.
Da jugendliche Praktikanten und Sekretäre (resp. Assistenten) ja zumeist schwieriger auf Rangordnungen hinzuweisen und einzuschießen sind als ihre weiblichen Vorgänger, bietet bdbarcelona neben den 'CUL is cool' Sitzobjekten für den gehobenen homosexuellen Kulturmanager auch noch Teddybären mit sex d'ajouté an:


Die Rede ist vom 1) "Oso Libidinoso in schwarz aus Plüsch" und vom (2) "Oso Deluxe in gold aus seidigem Metallic-Gewebe"; wobei neben den offensichtlich liebreizenden Fotos auch die Produktbeschreibungen nicht müde werden, auf die Überzeugungskraft der Plüschbärenerotik einzugehen. Versprochen wird nicht nur geschlechtliche Eindeutigkeit sondern auch die auffällige Pracht des Teddybärengemächts !
Wir erinnern uns an Koons, den Hasen, Johannes den Täufer und seinen Finger....Mit diesen Teddybären hingegen ist gut kuscheln, das herzige Gemächt erinnert mit etwas gutem Willen an die Bananen-Bratwust Brandolinis, vielleicht gelingt es mal frechem Design dieser Art, die arme Bischofsstadt Augsburg wieder aus ihrer schwarzen Umnachtung herauszuholen, einfach durch Einladungen zu Kulturkonferenzen in Barcelona, featuring new interior design.......