Russland in Augsburg.

Der neue Internationalismus der Ausstellung „Zarensilber“, „Russkie“ und „Silber im Entwurf“



Mit einem Interview des Direktors der Kunstsammlungen und Museen Dr. Christof Trepesch


Öl fließt. So zäh und kraftvoll wie das Geld der neuen Russland-Millionäre in die Lusxus-Raffinerien Europas. In der Geschichte der Neuzeit ist dies keine Seltenheit. Im 17. Jahrhundert nach dem dreissigjährigen Krieg ließen diplomatische Bemühungen um das damalige Zarenreich Tausende von Gulden, insbesondere schwedische Kronen, selbst ins doch fern gelegene Augsburg fließen. Im 18. Jahrhundert beflügelte die Zarin Katharina die Große, ohnehin Mäzenatin des westeuropäischen, mit der Aufklärung verbundenen Lebenstils, die Tafelsilber-Produktionen der Reichsstadt Augsburg mit millionenschweren Aufträgen für ihre Gouvernements.


Mit der Ausstellung „Zarensilber“ schwingt sich das jüngst mit dem Bayerischen Museumspreis ausgezeichnete Maximilianmuseum in Augsburg angemessen auf das frisch polierte Parkett internationaler Ausstellungen und Museen auf. Die Beziehungen zum osteuropäischen Raum insgesamt werden geschickt genutzt, um im Rahmen historischer Themen mit neuen und interessanten Aspekten zu trumpfen.


Silberpokale und Prunkschüsseln, aber auch heutzutage Privates wie die vornehm lateinisch fremdelnden „Lavabo“-Garnituren (Waschgeschirr) in schönsten Barockdesigns, füllt nun den großen „Felicitas-Saal“ des Maximlianmuseums und einige eher undankbar behandelte Nebenräume. Der große Ausstellungsraum im zweiten Stock über dem Viermetzhof ist nach der Gattin des Hauptsponsors Kurt F. Viermetz benannt, einem Ehrenbürger der Stadt, der Augsburg sogar einen der zaristischen Silberpokale schenkte, neben weiterem, siebenstelligen Stiftungsvermögen etc.


Inwiefern aber besteht überhaupt eine Beziehung zwischen Zarensilber und Augsburg? Die 70 Stücke der Ausstellung stammen aus dem Kremlmuseum, einem der größten im zeitgenössischen Russland, und kamen aus Augsburger Gold- und Silberschmieden dorthin. Insbesondere die schwedischen und polnischen Könige verwendeten Augsburger Silber als Willkommensgabe für den Zaren. Ihre Diplomaten hatten die hochwertigen Stücke mit mitunter bizarr antikisierenden und allegorischen Motivwelten in barock-übervoller Ornamentik auf ihrer Reise durch die russische Tundra, die in einem separat inszenierten Erlebnismuseumsraum nachvollziehbar wird, still im Gepäck. Obwohl ab den inneren Landesgrenzen begleitet von einem russischen Pristaven, wurden die prunkvollen Schaustücke erst beim Einzug in Moskau aus den Satteltaschen geholt und wie bei einer Prozession vor der Reitergruppe hergetragen. Das Zeremoniell galt den Zeitgenossen als schwierig und exotisch, wie insbesondere der Katalog dokumentiert, aber auch einige kleine Kupferstiche in den wenigen Büchern über Russland aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Das wissenschaftliche Begleitprogramm der Ausstellung beschäftigt sich ebenso mit diesen Einschätzungen wie mit den exakten historischen Gegebenheiten der Augsburger Goldschmiedekunst. Das schließt detailreiche Forschungen zu den technischen und wirtschaftlichen Bedingungen des Erfolges dieser Zunft ein, z.B. die besondere Form der Krätzmühle, die es im 18. Jahrhundert nur in Augsburg und Hamburg gab. Auch der Zusammenhang zur „Augsburger Konfession“, dem frühen Nebeneinander von protestantisch und katholisch Gläubigen wird, wenn auch nur an Einzelpersonen, zumindest über den Katalog hergestellt. Die eher unwissenschaftliche Begründung, dass die Augsburger Gold- und Silberschmiede sich durch besonders hervorragende Leistungen qualifiziert hätten, zeigt – vielleicht weil zu häufig betont – das „propter hoc“ eher im Kopfstand. Ikonografische Besonderheiten wie die „Einnahme Karthagos durch die Römer“ und „Die Großmut des Scipio“ oder Motivverwirrungen wie bei Philipp Küsels „Himmelsglobus mit Herkules“, der Herkules in einer tänzerisch leichthändigen Szene als Mörder eines vielleicht kniehohen Drachens zeigt, lassen eher an eine gezielte Vermeidung barock-katholischer Standards wie dem Heiligen Georg zugunsten der russisch-orthodoxen Ostkirche bzw. religiöser Neutralität denken. Dazu waren die protestantischen oder hugenottische Goldschmiede, auch mitunter nahezu atheistisch wie David Altenstetten, der wegen mangelhaften Kirchenbesuchs in Haft genommen wurde, eher in der Lage als die katholischen Kollegen, die ihrerseits mit Arbeiten für ihre Kirchen auch ausgelastet waren. Leider geht der Artikel von Galina Markowa über die „Figürlichen Motive“ nicht wirklich über eine eher vereinheitlichende Darstellung hinaus.


Die Ausstellung selber präsentiert einen modernen, historischen Aspekt des Themas, eine Art Selbstreflexion auf die Sammlungstätigkeit und Sammlungsgeschichte des Kremlmuseums. Dieses wurde über die Jahrhunderte hinweg zunehmend von den Zaren vom Ort individueller Repräsentation zur Sammlungsstätte umfunktioniert. Daran änderte auch die russische Revolution nichts, die den Beständen sogar eher noch etwas hinzufügte, namentlich die Silberservice und Silbermöbel der enteigneten russischen Adleshäuser. Die Ausstellung rekonstruiert mit großformatigen Fotografien den Wandel der repräsentativen Funktion, den die Silberobjekte auf diese Weise erfuhren. Sie stellt so mit glücklicher Hand nicht nur prachtvollen Pomp monarchischer Repräsentation vor, sondern zeigt auch sachlich und distanziert, wie diese Gegenstände zumeist dem unmittelbar Privaten entzogen waren.

In den kleineren Ausstellungsräumen spielt die Ausstellung nahezu barockisierend mit einer Entwicklung des Themas der Augsburger Goldschätze, von der Geschichte des Münzrechts über moderne Goldschmiedekunst und Schmuck bis hin zum 18. Jahrhundert und dem Großauftrag der Zarin Katharina der II. Leider ist in diesem letzten Raum nur ein Service zu sehen, dieses umgeben von modernem Geschirr an einer durch Glas versicherungstechnisch sinnvoll abgeriegelten Tafel.

Zur Geschichte dieses Auftrages findet sich in diesem Raum keine Anmerkung. Auch der Katalog erwähnt ihn nur sporaisch und führt ihn auf das große Ansehen der Augsburger Künste zurück. Das mag nicht falsch sein, aber es ist weniger, als vielleicht möglich gewesen wäre. In einer Begleitausstellung „Silber im Entwurf“ wird einer von mehreren Entwürfen für Tafelsilber aus den Beständen der Grafischen Sammlung vorgestellt, die wohl in Augsburg entstanden, vielleicht im Kontext des Auftrages für die Gouvernements oder aber auch als werbende Vorläufer dieses Auftrages, weil die Goldschmiede von dem Bedarf an schönen Stücken durch die Aufträge der Zarin an französische, englische und russische Goldschmiede erfahren hatten? Die Nähe mancher dieser Entwurfszeichnungen zu den Titelkupfern der von Katharina der II. in Russland verbreiteten moralischen Wochenschriften des 18. Jahrhunderts zumindest ist augenfällig, ihr Auftrag an Augsburg wurde schließlich in einer der Zeitungen Friedrich Nicolais bekanntgegeben. Obwohl im Katalog zur Ausstellung „Zarensilber“ ein Beitrag zu den grafischen Vorbildern der Silberschmiede-Entwürfe nicht fehlt, wird die Geschichte des späteren, schon einen klassizistischen Stil fordernden Auftrages von Katharina nicht behandelt. Die Begleitausstellung „Silber im Entwurf“, obwohl sehr füllig, zum Teil sehr schön und zeitlich auch mehr im 18. Jahrhundert und im Stil des Rokoko angelegt, ist mehr eine Zusammenstellung der Bestände mit kurzen, quasi obligatorischen Bemerkungen, wie einem kleinen Kupferstich des Juweliers, der den Millionenauftrag der Zarin an die Augsburger vermittelte. Sichtbar wird in jedem Fall, dass nicht nur im Laufe der Zeit beeindruckende Antiquitäten von Aristokraten und bürgerlichen Handwerkern über die ganze Welt verbreitet wurden – wie zu erwarten war – sondern auch, dass Augsburg hier tatsächlich eine Geschichte mit hochinteressanten Nebengelehrsamkeiten zu bieten hat, die das Thema mehr sein lassen als eine Zurschaustellung hübscher Dinge.


Der Augsburger Sprung in die Moderne: Russkie


Ausstellungseröffnung "Russkie" mit Ausstellungsassistentin Simone Kimmel, Künstlerin Anastasia Khoroshilova und Leiter der Neuen Galerie im Höhmannhaus Dr. Thomas Elsen.


Im seltsamen Zwischenbereich hohen Geldwertes, neurussischer Selbstaufmerksamkeit und echter Instruktion über eine relativ unbekannte, jenseits der modernen Medien existierende Kultur, bewegt sich auch die Ausstellung von Fotografien der russischen Künstlerin Anastasia Khoroshilova in Augsburgs Neuer Galerie im Höhmannhaus. Die 1978 in Moskau geborene Russin, die in deutschen Internaten und in der traditionsreichen Moskauer Innenstadt, dem Arbat, aufwuchs, stellt auf großformatigen Ilfochromen ihre Portraits aus russischen, ländlichen Regionen vor. Die Serie, insgesamt 125 Stück, nutzt klassische Formen des naiven Repräsentationsportraits für eine authentische Würdigung russischer Individualität. Die einfach wirkenden Menschen durften selbst entscheiden, wo und in welcher Form sie sich von der Künstlerin portraiteren lassen wollten. Die meisten versuchen, ihren Beruf oder ihre Ausbildung, also eine berufliche Zielsetzung zu dokumentieren. Man sieht sie in einer Art existentialen Pose, einen Instrumentenbauer in einem geschmackvollen, doch leicht angeschabten Jackett mit seinem sehr edel anmutenden Streichinstrument in der Hand, einen Landwirt neben seinem nahezu symbolträchtig nahrungsspeichernden, zählebigen Kamel, einen buddhistischen Fußballspieler in meditativer Pose, einige auch in einer Tracht, die ihre regionale Gebundenheit und Lebensauffassung individuell spiegelt, so eine Kalmükin in einem selbstgenähten und variierten Gewand. Khoroshilova berichtet unpathetisch von der fotografischen Arbeit mit diesen Menschen, die sie ausgewählt hat, um mit ihren Fotografien Einblick in die Vielfalt des russischen Vielvölkerstaates zu geben, die sich historisch und tendenziell noch immer von der Auffassung, es gäbe nur das „eine, russische Volk“ in den Hintergrund gerückt sieht. Weder die relative Armut noch die Abgeschiedenheit dieser Bevölkerung, die ohne Fernseher und Internet leben und, so Khoroshilova, mitunter den Präsidenten nicht kennen, sieht sie daher als Manko oder zur Schau gestellten Exotismus. Mit den einzelnen Fotografien sind vielmehr wirkliche Selbstentwürfe verbunden. Diese jedoch, so kann man tendenziell einwenden, bleiben in manchen Bildern Kontext und werden gerade nicht sichtbar: Für die Künstlerin hat die Ausgestaltung der quasi malerischen Oberfläche der Bilder denselben Stellenwert wie die Interpretierbarkeit von deren Geschichte. Durch die Ernsthaftigkeit der Posierenden, sowie die kompositorische Ruhe und farbliche Ausgeglichenheit, die in allen Bildern auffällig ist, entstehen hochgradig repräsentative Inszenierungen, die vergessen lassen, dass es sich um Fotografien handelt, die gegenüber der Realität nicht derart autonom sind wie die Malerei. Insofern sind diese Portraits von Anastasia Khoroshilova weniger investigativ dokumentarisch als vielmehr tatsächlich an der Vielfalt als Manigfaltigkeit des Schönen interessiert. Kein Wunder also, dass Werke aus dieser Serie bei Hilger in Österreich und auf der Pariser Messe für Fotografie zu Preisen um 5.000 Euro pro Stück gehandelt werden konnten. Da Khoroshilova schon 2002 – 2005 in der Serie „Islander“ Großportraits von Personen in isolierenden Lebensumständen fotografiert hat, wird sie, so die Künstlerin, nach der aktuellen Serie und der Ausstellung in der Neuen Galerie im Höhmannhaus nun etwas Anderes in Angriff nehmen. Ihr bislang entstandenes Werk wird, quasi nach der Platinisierung durch die Neue Galerie, demnächst auch im neuen Moskauer Museum für zeitgenössische Kunst, dem art4ur, zu sehen sein. Der Leiter der Neuen Galerie und des H2 Zentrum für Gegenwartskunst, Dr. Thomas Elsen, arbeitet bereits mit den dortigen Kuratoren an einem Katalog der neuesten Werke Khoroshilovas.


Der neue Internationalismus in Augsburg, Zarensilber und Einblicke in die Vielfalt russischer Lebenskultur, darf auch auf Zuspruch von der russischsprachigen Bevölkerung, insbesondere den ca 50.000 Augsburger Russlanddeutschen hoffen – zumal das Zarensilber zweisprachig präsentiert wird. Obwohl man erwarten könnte, dass damit auch die Restaurants und Snackbars der Stadt Vorurteile gegenüber der russischen Küche abbauen, findet sich außer der hervorragenden, aber doch eher deutschen Forellenkaviar-Suppe für 5.80 Euro im Drei Mohren des Hotel Steigenberger neben der Neuen Galerie kaum ein Restaurant, das mit veredelten Piroggen, Stschi, Pelmeni oder Soljnaka das touristische Ziel „Russland in Augsburg“ abrunden würde. Die Ausstellungen „Zarensilber“ und „Russkie“ sind jedoch noch einige Wochen zu sehen, Anfragen können vielleicht auch die rar gesäte, aber vorhandene Augsburger Haute Cuisine wie Kahn, das Anna-Restaurant, die Ecke oder das Magnolia neben dem Glaspalast mit dem H2 – Zentrum für Gegenwartskunst, inspirieren.

Interview mit Dr. Trepesch


Bericht und Fotos: Dr. Ulrike Ritter

Fotos „Zarensilber“: Dr. Ulrike Ritter und Augsburger Kunstsammlungen und Museen



Zarensilber

Augsburger Silber aus dem Kreml.

24.2.2008-1.6.2008

Maximilianmuseum

Philippine-Welser-Str. 24

86150 Augsburger

www.zarensilber.de

Di u. Do 10-20 Uhr

Mi u. Fr-So 10-18 Uhr

(auch Karfreitag und Ostermontag 10-18 Uhr).

Buchungen und Tickets.: 0821 324-4103


Russkie

Fotografien von Anastasia Khoroshilova

14.03.-04.05.2008

Neue Galerie im Höhmannhaus

Maximilianstraße 48

86150 Augsburg

Öffnungszeiten Di 10-20 Uhr

Mi-So 10-17 Uhr


Weitere Ausstellungen:

Rugendas in Chile

ab 30. April

Schaezlerpalais

Maximilianstraße 46

86150 Augsburg

Tel. 0821 324-4102

Öffnungszeiten 10-20 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr


Weitere Informationen und Touristeninformation unter www.augsburg.de