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Gestalten ohne Habitus. Zeitgenössisches Design. Arts-on observierte den Danner-Designpreis, design report, Hochparterre, Klassiker. *
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You'd like to see your ad here? * Contact us: Dr. Ulrike Ritter * Bahnhofstr. 19a * D-86415 Mering * Tel. ++49 (0)8233 79 800 55 Fax: 01803 5518 21527 (national) * Your address for targing signals * Email: editorial_office@arts-on.com I IMPRINT |
Design. Von Michael Schirner schon mal mit Malevitch verglichen (Eröffnungsausstellung des Internationalen Design Zentrums Berlin 1988), allgemein auch mal mit einer Art Kommunion („Auch in einem – designten - Kaffeelöffel spiegelt sich die Sonne“) Nicht nur die eigentliche Bedeutung des Wortes - „Gestaltung“ – ist erschreckend unbeschränkt. Im Blick über die Designgeschichte der letzten Jahrzehnte, den Designbegriff der Regionen und die heterogenen Anwendungsbereiche fällt vor allem auf, was die an Industriedesign und Architektur orientierten Designzeitschriften wie FORM, Designreport, Hochparterre, Norm (?) durch quasi erzieherisch selektive Berichterstattung nicht deutlich werden lassen: Design hat keinen Habitus.
Modedesign ist vielleicht ein triviales Beispiel, aber kein nicht signifikantes. Für Produzenten ist Design Mittel zum Verkauf, idealerweise durch eine Qualitätsverbesserung, die mit dem Nachdenken über die Formbarkeit des Materials und die materiellen Seiten der Form einhergeht und dann gewinnbringend mit dem Markennamen verschmilzt. Im Modebereich steht dieses Industrieprinzip tendenziell quer zu der Aufteilung in Haute Couture und Pret à Porter, wenn auch nur „noch“, denn während mit letzterem klassischerweise das „no name“ Prinzip verbunden war, entwickeln sich Billigmarken wie H & M oder Orsay – vielleicht mit Ikea vergleichbar – sukzessive zu Begriffen, die auch mit Designernamen verbunden werden könnten, eben mit Teams statt mit Individualstars in den Fußstapfen von Coco Chanel und Vivienne Westwood. CC steht dabei quasi originellerweise für den Realismus der Haute Couture, Modedesign, das sie selbst täglich trug, während Vivienne ihre Fetzenhemdchen bekanntlich erst einmal für die Sex Pistols kreierte, nachdem diese durch einen Casting-Wettbewerb quasi für London und die Queen persönlich entworfen worden waren. CC wäre also mit Dieter Rams vergleichbar, der in einem neueren Heft des Designreports mit größeren Berichten und Interviews gewürdigt wird – Bundesverdienstkreuz, Deutscher Designpreis etc., all dies für den Repräsentanten des konsumentennahen Industriedesigns: elektrische Zahnbürsten und Unterhaltungselektronik. Nach dem Kaffeelöffelprinzip gibt es eigentlich nur ein Produkt, das von Rams und Braun und ein Hit auch in Bekanntheitsfragen wäre: es ist nicht der Charles Eames Sessel, der Alessi Wasserkessel, die Brandolini Bratwurst (als Teppichmotiv wohlgemerkt) die in ihrem Bekanntheitsgrad die Stradivari (????) erreichen.
Mit Braun verbindet man auch eher die Solidität der Produkte – Akkus halten, Tasten lassen sich mehr als zwei- bis dreimal betätigen, Verschlüsse verschließen statt sofort abzubrechen, die Geräte lassen sich bedienen. Vieles davon ist tatsächlich nicht selbstverständlich optimal und zugleich eine Frage des Produktdesigns, die sich nur durch antisensationalistische Zufriedenheit und Markentreue auswirkt. Der „Schneewittchensarg“ - ein Produkt des Neuanfangs in den Fünfzigern, das aus der besonderen Situation seinen Wert erhielt, aber gerade in der noch dem Volksempfänger abgewonnenen Verbindung von Boxen und Klangherstellungskomponente nicht zukunftsweisend sondern nur „märchenhaft schützend“ für die mythischen Schellackscheiben, wie der Verdrängung von Krieg und Terror durch unschuldige Unterhaltung Ausdruck verleihend. Das geht also auch im Industriedesign, was die Qualität des handwerklichen Zweigs etwas einschränkt, denn „kunstgewerbliche“ Entwürfe lösen eben gerade eines der wichtigen Hauptprobleme nicht, die Industriedesign immer lösen muss: Wie etwas wirtschaftlich und technisch effizient hergestellt werden kann, das zugleich kulturellen Aspekten Ausdruck verleiht.
Andererseits auch eine falsche Norm, die z.B. die gesamten Fragen der Blumenornamente und anderen Oberflächenschmucks auf Teeservicen z.B. von Rosenthal, einem großen Förderer von Unternehmenskultur und Design, zum niederen Randbereich herunterdeklariert. Die Designzeitschriften wären nicht Schuld daran. Sie berichten über alles, was irgendwie für Design Adwards in Frage kommt, an Designfachhochschulen und -hochschulen unterrricht und gefördert wird usw. - wenn auch schon wegen der Spezialisierungen der Journalistinnen irgendwie gewichtet. Signifikant vielleicht, dass von den bekannten Wochenzeitschriften oder überregionalen tageszeitungen nur das handelsblatt eine eigene Korrespondentin und einen readktionellen Schwerpunkt für Design hat – während Wochenezeitungen wie die Zeit das Thema höchstens als zeitgeschichtliches Surviewing zwecks Weihnachtsvorbereitung berücksichtigt. Also, die Oberfläche, das Ornament, muss Form werden, idealerweise sogar in die Statik und die „Lebenswelt“ eine Unternehmens (wie bei Rosenthal), der KundInnen oder ihrer Umgebung eingehen. Das gilt auch für die Kleidung, deren Design eben nicht nur Modedesign ist, das fast nur saisongehäuft, immer wieder Neues verkaufen will, sondern Design im Sinne einer „tiefergehenden“ Gestaltung, vor allem das Material berücksichtigend – und das eben auch nicht einmal primär unter ästhetsichen gesichtspunkten wie in der Kunst sondern unter funktionalen – Hochparterre, die schweizerische Design- und Architekturzeitschrift, die erst nur mäßig erfolgreich von ihrer Redaktion „aus Liebe“ dem Verleger abgekauft wurde und nun ein vitales Nachbarblatt zum deutschen Designreport ist – sie berichtet auf jeden Fall über Innovationen und Probleme im Bereich des Stoffmaterials die von einfacher Wollkleidung bis zum durchsichtigen Beton reichen. Berichtenswertes Design verblüfft also nicht durch Geschmacksmuster sondern durch technische Ideen, die man eigentlich mehr in der Elektrotechnik vermutet: Werkstoffe und Bauelemente. Betrachtet man Sportkleidung, liegen die Fortschritte tatsächlich auch gerade da, während in der Optik noch fast alles dem Modedesign überlassen bleibt – die Materialinnovationen kongruieren in den seltensten Fällen mit ästhetischen Ausdrucksformen dieser Materialien. Mitunter sind selbst wasserabweisende, leichte Skijacken noch dick, pompös und plump, vielleicht sogar Assoziationen wie denen von üppiger Muskulatur Ausdruck verleihend? Aber eben auch an dem, was am Wintersport niemand mag: Das Versteifte, Bepackte, Verplumpte – die Differenz zum Eiskunstlauf eben. Und wer entwirft in dem Bereich die Auftrittsverpackungen? Couture? Oder fürchtet man da Markenkonflikte? Mitunter auf jeden Fall geschmacklos und eigentlich ein offenes Feld für die Kust, denn das dürftige Gefludder, das Eiskunstläuferinnen zumndest schmückt, ist im gegensatz zu standardisierter Sportbekleidung wie im Reitsprot oder Ballett kaum Konventionen unterworfen. Also ein Eiskunstlaufkostüm von Rebecca Horn zum Beispiel wäre doch eine Idee und ja nicht notwendig antistatisch oder ähnlich dysfunktional. So ähnlich von der Idee her, aber doch viel selbstverharmlosender, reduzierter, eine fast (!) spinnenartige Halskrause als Halsschmuck, vielleicht noch ein bisschen reminiszierend an die Halskrausen der Niederländer des 17. Jahrhunderts, der Sonderpreis des Danner-Desingnwettbewerbs, im Gegensatz zum offensiv kunsthandwerklichen weißen Tongeschirr als Preisträger Nummer 1 (Es gibt ja viel zu wenig weißes Porzellan oder weiße Keramik in den zig Läden, die sich nur diesem Produkt und Produktdesign widmen). Das Vorbild des Designs in Süddeutschland also noch immer Meister Eder und dessen Puppenmöbel , Bett und Schaukel, für den unsichtbaren Lieblingssohn und Klabauter Pumuckel – immerhin ein literarisches Topprodukt und in den Filmen auch ein Visuelles: Die Pumuckelfiguren des Films können ein ausgezeichnetes, differenziertes Trickdesign vorweisen ! Arg laden Meister Eder und Pumuckel zu einem Nachdenken über Spielzeugdesign fernab von Holzmythologien und „Kinder haben eh keinen Geschmack“-Auffassungen ein: Lernspieldesign, mediale Dependenzen, Zeitgeschichte durch Barbiefashion, Gesundheitsfragen...ein den Designinstitutionen und – zeitschriften zu niedriges Thema !
Zwar ist die Gesundheitsthematik topp – aber im Theoriebereich bitte nicht als Ausrüstungsdetail der Nachfolger sondern gleich komplett, als Haus, Passivhaus, das seine Energie selbst erzeugt und keine Fernheizung benötigt, zum beispiel, aus materailien gebaut ist, zudem, die garantiert keien Krebs erregen. Als zufriedene Bewohnerin eines unfreiwilligen Semi-Passivappartments mit Südfront und deutlichem Aufheizungseffekt selbst durch Wintersonne, selbst gestrichen mit Naturfarben und Naturpigmenten, erinnere mich an die verzweiflung, von der die Besitzerin des naturfarbnshops erzählte, die eine Kundin erfasst hatte, als sie feststellte, dass es bei naturfarben (Dispersion, eigengefärbt) keinen regulären Fabrauftrag gibt bzw. nur sehr eingeschrüänkt und auch keine Garantie, das die Farbe wie versiegelt reagiert und bei jedem Stoffkontakt schüchtern an der Wand bleibt... Eigentlich kein Designthema – oder doch – zumindest waren die Naturfarben nicht über Designberichte zugänglich sondern über den Naturkostshop. Im Übergang zur gesunden Ernährung, über den Topos Gesundheit der „Lebenswelt“... Wie soll also, wenn Design zerrissen ist in heterogenste Themen und Topoi wie Fashion, Sport, Produktion, Handwerk, Ornament, Funktion, Vernunft, Gesundheit, Technische Innovation etc. ein habituelles Regularium, zumindest informell entstehen, dass eben zum beispiel die Kostümgestaltungen der Eiskunstläufer unter die eigenen Fittiche nimmt und endlich ansehnlich bzw. der Anstrengung des Kunstlaufens adäquat sein lässt? Geht nicht, weil unzählige Omis diesen Sport vor ihren Fernsehapparaten okkupieren und dominieren? Man ihnen nicht einfach Halbnackte in Federn und Pfaueneier vorführen kann? Das Schreckliche also und das Erschreckende, quasi in dem Sonderpreis des Dannerwettbewerbs hervorragend repräsentiert, ist, dass Design sich nicht zum Habitus des Innovativen wirklich emanzipieren kann, da es noch immer verhaftet ist (!) - wörtlich in den Ketten liegt – Dinge in geschmäcklerischer Weise jedem Geschmack gefällig zu machen, sie rein oberflächlich-optisch an möglichst weit gefächerte Märkte anzupassen. Und gerade dieser dem Prinzip Design noch inhärierende Impuls, es allen recht machen zu wollen, steht dabei so quer zur Gestaltungsidee, zur herrschenden Diversifikation der Stile, zum habituellen Switching und zur Differenzierung, ob Produkte reine Funktionalität brauchen – wie das Billy-Bücherregal – oder eben nur einen witzigen, geistreichen oder zumindest speziellen Habitus, eine Stillosigkeit, oder was auch immer – Dinge und Aspekte des Alltags, mit denen die gewöhnlichen KonsumentInnen längst souverän umgehen können, in denen Design aber universalisierend hilflos dümpelt. Im design report 5/08 lässt sich diese Hypothese auch am Design in Polen prüfen. Industrielle Formgebung, Folklore und Traditionen des Propagandismus treffen auch hier zu mehr oder weniger unvereinbaren Mischungen mit dem Bemühen um ein ansprechendes Äußeres zusammen. Womit ja vor allem darauf hingewiesen werden soll, wie waaahnsinnig schwiiiierig das alles ist....
Designzeitschriften:
Hochparterre. Zeitschrift für Architektur und Design. Zürich. Heft 11/2008
Danner Designpreis. H2- Zentrum für Gegenwartskunst. Noch bis zum 06. Januar in Verbindung mit der Sammlungspräsentation „Sammlung Neue Kunst III“ (bis Ende März).
Bericht und Fotos: Ulrike Ritter .
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