"das müllauto ist das sinnbild für die arbeit der müllmänner, das täglich sichtbar ist in der stadt. das projekt eröffnet einen zugang zu den persönlichen geschichten einzelner müllwerker durch die heimatbilder auf den lkws. somit ensteht kommunikation über ein emotionales thema mit den sich sonst anonym bleibenden bürgen und den dienstleistern " müllmann". die kunst ist für uns diese implizierte persönliche kommunikation auf der strasse, losgelöst aus dem beruflichen alltag." empfangshalle
WOHER KOLLEGE WOHIN KOLLEGE - EIN GEFÜHL VON HEIMAT
Gleichnamiger Dokumentarfilm zum Kunstprojekt, 2004
Ein Film von Thomas Adebahr und Andrea Zimmermann mit Empfangshalle
Mit der Kamera wurden drei Müllmänner auf ihren Reisen in die Heimat begleitet, nach München-Neuperlach, nach Accay in der Türkei und in ein kleines Dorf in Ghana. Dabei entstand ein 80 minütiger Dokumentarfilm der für den Civis-Preis 2004 nominiert wurde.
Kurzinterview mit dem Künstlerduo Empfangshalle im Rahmen der Ausstellung „KunstRaumStadtRaum“ in der Neuen Galerie im Höhmannhaus
Das Künstlerduo „Empfangshalle“ aus München war im Rahmen der Ausstellung KunstRaumStadtRaum in der Neuen Galerie im Höhmannhaus mit dem Projekt „Brot und Butter“ vertreten, das im Wesentlichen daraus bestand, dass die Museumsaufsichten unter den Augen der Merkurfigur des gleichnamigen Brunnens in Augsburg in der Neuen Galerie mit dem Publikum „Brot und Butter“ aßen. Im Rahmen der Ausstellung wurde aber auch der Film „Woher Kollege, wohin Kollege“ über das gleichnamige Projekt des Duos vorgeführt. „Woher Kollege, wohin Kollege“ wurde im Dezember 2001 vom Münchner Baureferat (Quivid) als Projekt, das sich in überzeugender Weise von klassischen Weisen des Kunst am Baus entfernt, zum Gewinner einer Ausschreibung ernannt:
„Im Dezember wurde das Projekt WOHER KOLLEGE - WOHIN KOLLEGE des Münchner Künstlerduos EMPFANGSHALLE im wahrsten Sinne des Wortes "auf den Weg geschickt". Die Arbeit der beiden Künstler Corbinian Böhm und Michael Gruber gewann den Wettbewerb für den neuen Betriebshof Ost des Amtes für Abfallwirtschaft. Wie auch schon die der Arbeit LIFT ARCHIV von Szuper Gallery bewegt sich WOHER KOLLEGE - WOHIN KOLLEGE weg von den typischen Kunst-am-Bau Arbeiten.
EMPFANGSHALLE beschäftigt sich mit den Verhältnis von Individuum und Gruppe und der medialen Funktion von Kunst. Die Arbeit WOHER KOLLEGE – WOHIN KOLLEGE involviert die Fahrer und Lader der Müllautos und gibt den anonymen Mitarbeitern ein Gesicht. EMPFANGSHALLE fragte die Müllmänner, die aus über 30 verschiedenen Ländern stammen, nach ihrer Definition von Heimat: „Wo kommst Du her ? Und wenn Du an daheim denkst, wohin fährst Du dann ?“ Die sehr vielfältigen Antworten konkretisierten sich als Route auf einer Landkarte, die sich vom Allgäu bis nach Nordafrika erstreckt und die von einem zum "Wohnmobil" umgebauten Müllauto abgefahren wird. Die Müllmännern fotografieren dort, was für sie Heimat symbolisiert. Zurück in München präsentiert jeder, der mitgemacht hat, sein Heimatfoto auf einem wetterfesten Plakat an den Seiten „seines“ Müllautos. Die dynamische Struktur der ausschwärmenden Fahrzeuge nutzend entsteht eine mobile Ausstellung, die Privatheit und Öffentlichkeit verknüpft.“
Der Film dokumentiert diese Fahrten und legt somit notwendigerweise einen Schwerpunkt auf den „Aufenthalt“ im Müllwagen – wobei jedoch weder der Umbau noch der tatsächliche Bezug zum „Leihwagen“ thematisiert werden. Dies wiederum bildet, soweit die gewählten Szenen diese Aussagen zulassen, die Aufmerksamkeitstruktur der Müllarbeiter ab, die von ihrer Familie und den Regionen erzählen, die sie mit dem Wagen besuchen oder die ihren Münchner Alltag bestimmen. Der Wagen spielt dabei eigentlich keine Rolle, andererseits liegen wichtige Effekte des Films im Auftreten der Arbeiter mit dem Müllwagen – quasi wie dessen Besitzer – und der Wert des Projektes ist ja mehr oder weniger ausgesprochen auch die Möglichkeit, ohne eigenen Wagen und Aufwand in die eigene „Heimat“ reisen zu können, gesponsort von einem Kunstprojekt, dieses wiederum von der Stadt München. Damit bestätigte sich für die Gefilmten nach Aussage von Empfangshalle aber nur der positive Eindruck, den sie insgesamt von ihrem Arbeitgeber und ihren Arbeitsbedingungen hatten. Durch die zusätzliche Forderung – die in der zitierten Kurzlaudation nicht einmal erwähnt wird – dass sich die Arbeiter zum Schluss mit dem Wagen fotografieren lassen – dieses Bild wurde dann wiederum auf den tatsächlich betriebenen Müllfahrzeugen einige Wochen präsentiert – dominierten schließlich zumindest für die Augen der Autorin der Eindruck von Besitz, nahezu Privatbesitz, und damit auch von Begriffsanalysen (* Heimat*) und Glücksversprechen, die sich an den Besitz von Objekten heften – im Gegensatz zu den individuellen Begründungen der beteiligten Müllarbeiter, die der Film dokumentiert. Insofern die wenigen Aspekte der Einflussnahme durch „Empfangshalle“ also gerade eine Perspektive der Müllarbeiter auf ihre Auffassungen aufzeigen oder nahezu erzwingen, deren Realität nicht unbedingt nachvollziehbar ist, verfolgte das Projekt neben einer Erweiterung des Begriffs von „Kunst am Bau“ auch Absichten und Strategien, wie man sie aus der Werbung kennt. Das Duo „Empfangshalle“ - zu Englisch „Lobby“ - hatte gegen diese Beurteilung als quasi für den Arbeitgeber werbend, lobbyistisch, keinen direkten Einwand. Im Nachhinein kann man vielleicht sagen, dass gerade durch die Konzentration auf den Arbeitsplatz durch die optische Fixierung auf das Müllauto immerhin Urteilen aus dem Weg gegangen wurde wie, dass die ausländischen Arbeiter der Müllabfuhr sowieso nur an ihre ursprüngliche Heimat und ihren Herkunftsort denken, nicht wirklich emotional integriert und 'nur wegen des Geldes' in Deutschland sind.
Ein Kurzinterview mit Corbinian Böhm vom Duo „Empfangshalle“ in Auszügen:
Ritter: Also, wie schon eben in der Diskussion angesprochen, das Projekt ist sehr stark angebunden an Objekte, bei „Woher Kollege, wohin Kollege“ z.B. an den Müllwagen.
Böhm: Objektanbindung – nein. Uns geht es um die Strukturen, die wir finden. Jede Stadt oder jede Situation, die man in der Gesellschaft hat, hat eine bestimmte Struktur, die wir analysieren. Interessiert hat uns das morgendliche Ausschwärmen der ca 120 Müllwagen in die Stadt, das zusammen mit der typischen Bewegung des Ab- und Aufspringens auf den Wagen eine Art Performance ergibt. Die andere Struktur war die Idee von „Heimat“, die wir bei den Müllmänner gefunden haben, - das haben wir zusammengebracht. Dadurch ist dann die Kunst entstanden.“
Ritter: Aufgefallen ist mir, dass die Arbeit keine Rolle spielte. Der Perlacher hat z.B. vom Aufbau des Perlacher Einkaufszentrums berichtet und u.a., dass er sich noch erinnern könne, wie es im unfertigen Zustand roch. Und offenbar war ihm gar nicht klar, dass diese Empfindlichkeit für Gerüche in einer seltsamen Beziehung steht zu seiner Arbeit, von der man ja vor Allem weiß, dass sie mit unangenehmen Geruch verbunden ist, stinkt. Es ging bei allen Äußerungen immer nur um Privates, nie um die Arbeit selbst, also um ihre Erfahrung als Müllfahrer.
Böhm: Das stand nicht im Vordergrund. Dazu muss man sagen, dass die Müllfahrer alle unglaublich zufrieden sind mit ihrer Arbeit. Sie haben gute Konditionen und sobald Schwierigkeiten mit Gerüchen oder Ähnlichem auftauchen, werden sie umgeschult oder ähnlich. Die sind unglaublich dankbar und auch sehr stolz auf ihren Job.
Ritter: „Ja, mir ging es auch nicht darum, dass man die Arbeit irgendwie kritisieren muss. Nur bei allen Müllfahrern im Film ist mir aufgefallen, dass es immer nur um Privates ging und eben nicht um die Arbeit. Der Müllwagen wurde schließlich durch das Bild mit „Heimat“ identifiziert, aber das ist ja so gesehen von Ihnen extrem konstruiert.
Böhm: Nein, der Wagen ist vielleicht so ein Logo für das Projekt. Und der Wagen ist natürlich wichtig für das Bild, sodass nachher ein Bild entsteht, das Fragen aufwirft – plötzlich ein Müllauto in Ghana.
Ritter: Also eher nomadisch als „heimatlich“?
Böhm: Nein, wie gesagt, sie sind eher stolz darauf, dass sie diesen Job machen. Es gab auch keinen, der gesagt hat, ich würde gerne mit einem anderen Auto in die Heimat fahren. Bei dem einen oder anderen, der mit dem Müllauto heranreiste, gab es ein tagelanges Fest und alle fand es toll.
Im Endeffekt ist es einfach eine Sichtbarmachung.
Ritter: Bei anderen Projekten gehen sie auch von einem Objekt aus, z.B. bei dem Handyprojekt, von einem modernen Element, das man in Kommunikationsstrukturen festmachen kann.
Böhm: Eine Gemeinsamkeit sind die gesellschaftlichen Strukturen, die wir gefunden haben. Bei dem Handyprojekt hat uns generell interessiert, wie die modernen Medien unser Verhalten verändern. Das Telefonieren mit dem Handy ist besonders augenfällig. Solche Verhaltensmuster haben wir beobachtet – ganz typisch: Jemand geht einen Weg ab, eine Acht oder ähnliche Formen. Wir haben dann eine Idee entwickelt, einen Service, der für diese Bedürfnisse ein Produkt entwickelt, eine Lösung. Das Bedürfnis haben wir sichtbar gemacht und eine Lösung gleich nageboten, teilweise natürlich auch ins Absurde übertrieben. Das Ganze endet dann in einem Clip, eine Mischung aus Musikclip und Werbevideo. Wir arbeiten sehr viel mit Ideen, die der Werbung nahestehen. Mit der Werbung teilen wir uns ja den öffentlichen Raum. So ist dann ein Clip entstanden, in dem so getan wird, als gäbe es einen weltweiten Service für die Handynutzer und deren verändertes Verhalten.
Links:
Webseite der Künstler:
http://www.empfangshalle.de
Ausstellungsdaten „KunstRaumStadtRaum und Filmvorführung“: http://www.arts-on.com/pr/past.php?id=595
Kurzbemerkung und Fotos von der Filmvorführung: http://www.arts-on.com/webfischerei.html * http://www.arts-on.com/artscrubbingtheweb.html
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