Talleyrands Tellerrand.... und die traurigen Tropen der Gegenwartskunst.


Silent Spaces - dass die Ausstellung mehr bietet als sakralisierende Kontemplation, gleichwohl die Werke mitunter dort einen Schwerpunkt setzen, haben wir bereits am Beispiel der kognitisierten Schwimmerin von "Outer Space" erläutert. Nun überrascht uns eine Werkanalyse aus der Feder des Kurators Thomas Elsen selbst, bezogen auf "Red = Green" von Bruno Wank. Die Videoarbeit, die die BesucherInnen zwischen eine rote und eine grüne Videofläche in eine authentisierende Akustik aus Atmo und Atem stellt, dann einen Mann in bestem Alter durch die Farbflächen joggen lässt - sodass er mitunter 'unsichtbar' durch den Raum von der grünen Fläche zur roten auf der anderen Seite gelaufen zu sein scheint - diese Videoarbeit erschien uns komisch ! Ja - tatsächlich haben die frohen Farben und das lustige Gejogge wieder mehr den Charakter von Sport und Entspannung in den frohen Farbwelten der Künste - mit ein bisschen Anstrengung verbunden sehr heilsam für Körper, Geist und Seele. Doch wir erfahren, dass auch in diesem Werk, im Joggen durch Rot-Grün, signifikantes Wiederholungsgeschehen, Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit vorherrschen. Der Kurator, einstmals immerhin Sportsoldat, wie man der Kurzbiografie in seiner Dissertation entnehmen kann, nutzt hier entweder die Kunst für Talleyrand'sche Bemerkungen über Rot-Grün - die eitle Vergeblichkeit gilt ja für alles Weltliche, traditionsgemäß, und, wenn für fröhliches Joggen durch Rot-Grün, erst recht für die schwarzen Fesselungen der Sportschwimmerin von "Outer Spaces". Oh Schreck - einmal politisiert, auf immer zur Anstiftung von Depressionen verdammt?


In ähnlicher Weise unterlaufen Zusammenstellungen wie die von Lea Peers Landschaftsacrylen und Christoph Rehms Landschaftsfotografien ihre eigene Liberalität. Rehms Fotos sind schlicht über die eigentliche digitale Bildgröße hinaus hochkopiert und vergrößert. Statt einer punktgenauen Auflösung entstehen so kleine rechteckige Flächen, quasi zerrissene Punkte, die mit viel gutem Willen die farbigen Schatten des Impressionismus und die pointilistischen Analysen des Lichts anklingen lassen. Peers Acrylbilder daneben ebenso exakt, leicht tachistisch, auch von kleinen Flächen zur größeren Figur hin entwickelt und nicht an einer Kontur orientiert. Tja, das eine eine konservative Technik und Bildidee (Peer), daneben eine moderne Technologie und eine nahezu unverfrorene Technik - nahezu auf dieses Prädikat hinarbeitend, handelt es sich doch um eher abendlich-winterliche Landschaften....? Strenggenommen verlieren beide Verfahren im Vergleich, beide Ergebnisse sind ästhetisch zu vordergründig, quasi um sich selbst bemüht und gegenüber dem Bildgegenstand indifferent. Also eitel - juchu. Noch schnell summiert: Peers 'Garagenbau' mit Ölschinklein - ja, ja, alt und neu, ewiger Neubau des Gleichen - die Räume mit Übriggebliebenem, Spuren des Zerfalls von ... und die halbzerstörten islamischen Kirchenbauten Usbekistans. Zerfall, Zerfall, zerfall Zerfall !


Schließlich die weißen Holzrahmen von Benjamins Appel Kunstmetapher, eigentlich ein konstruktivistischer Künstler, wenn auch mit starken systemtheoretischen Impulsen: Die Klause des Hieronymus, hier als Rudiment eines Gartenhäuschens, das uns an Wittgenstein und wie er in Norwegen gewohnt haben muss, oder auch an die Beatles erinnert, an ihren melancholischen Song: And the fool on the hill, sees the sun going down, and the eyes in his head, see the world's spinning ground.....Also, Finger weg von den Künsten, es ist sowieso nichts schön, nichts gelungen, nichts mehr wert als ein Rest von Mühe um die mens corpora sana bis zum ohnehin allgegenwärtigen Kriegs-, Todes- und Zerfallsgeschehen. Ich muss zugeben, die Vapour Figures, ausbalancierte, honiggelbe Flaschen von Tony Cragg - derzeit im Salzburger Museum der Moderne zu sehen - und der urige Humor von Walters "Big Trip" haben mir da besser gefallen. Als diese herrschaftliche Mühe um Vergeblichkeit und den Absturz einer vom Imaginären besessenen Avantgarde in defätistischen Ästhetizismus. Vielleicht ein schlimmes Alarmsignal der Gegenwartskunst in den Zeiten tiefschwarzer Ummantelung? Was sich zur Zeit in der Neuen Galerie im Höhmannhaus findet, Lieblichkeitskitsch entlang der Thematik "Linie", mit menschlicher Figur, um auch die Akzeptanz des Kunstlaiens zu gewinnen, aber jenseits der kunstgeschichtlichen Bewanderung, um niemanden vor den Kopf zu stoßen, bestätigt nur das Schwächeln der Gegenwartskunst als Insel und Ankerpunkt geistigen Durchatmens jenseits der ständigen schwarzen Politisierung des Alltags.


(Kein Plakat beim Physiotherapeuten (wo unsereins nach überzogenen sportlichen Mühen gebrochenen Knochen wieder Geschmeidigkeit verleihen wollten), auf dem nicht neben dem Schmerzempfinden und dem Nervensystem des erwachsenen Menschen auch das des Embryos erklärt würde.... Sehr unsympathisch, wenn Carolin Jörg, die in der Neuen Galerie ausgestellte Künstlerin, in ihren kleinformatigen Bildern in einfachsten Techniken "Linie" künstlerisch durchspielt, indem sie sich quasi in den Zustand der frühkindlichen Erfahrung begibt, obwohl handwerklich so begabt, einfach mal loskrakelt, den Pinsel so schön rund über das Blatt zieht, die Hand bewegt.....Dann zeigt sich wenigstens, dass die beruflich erfolgreiche Künstlerin ihrer weiblichen Mutter-Rolle-Bestimmung-Präferenz (offenkundig egal) nicht gänzlich abhold ist, sondern ganz im Gegenteil ihren Beruf als Fachhochschulprofessorin in Frankreich eher noch in diesem Sinne instrumentiert. So bewährt sich Augsburg, ohnehin regionallastig, nahezu "heimatlich" orientiert, wieder als Ort, wo Gegenwartskunst in den Grenzen des Allgegenwärtigen gedacht wird - das jedoch reicht höchstens bis an den Grenzen des Bundeslandes und vielleicht noch zu einem Blick über den Tellerrand.


Dr. Ulrike Ritter