SHADOWS....exhibited at Neue Galerie im Höhmanhaus, aqueous
„TELL ME A STORY about how you adore me,
Live in the Shadow, see through the shadow,
live through the shadow, tear at the shadow,
hate in the shadow, and live in your shadowylife“

schlimmstes Verkehrungsgeschehen, mit dem Argument für sich zu werben,
dass alles, was man am Anderen hat und sieht, Schattenwelt ist...
oder spricht Pluto persönlich aus dieser off-kulturellen Ewigkeit in Stein, den Stones?
Nicht nur die LeserInnen von Goethes „Götter, Helden und Wieland“ oder Wielands *Triumph der Empfindsamkeit* wissen, dass ein romantischer Hades in jedem städtischen Eckchen schneller gebaut ist als man denkt.
In so ein stylisches Landschaftsgärtchen, eine Mischung aus Augsburger Totentanz, griechisch- archaischer „verkehrter Welt“-Motivik und Tugendkunde im Sinne von Atlas, christlicher und nur „fußend“ auf dem aus Sexgeschichten entstandenen Herkules, lädt nun aktuell wieder eines der Augsburger Häupter aus der Kulturszene, mit nahezu biblischen Verdiensten um die Gegenwartskunst ein. Nun, ein heftiges „Häähh?“ des Lesers (der Leserin?) darf sich anschließen....

Doch unschwer erkennt der Programmbelehrte, dass die Neue Galerie im Höhmannhaus in die Ausstellung „Schiffbruch, Tod und Teufel“ lockt, die mit Werken von Haubitz + Zoche, einem weiblichen Künstlerduo, bestückt ist. Die Künstlerinnen sind unterschiedlicher Provenienz, auch die Ausbildungswege der 1959 und 1965 Geborenen sind so heterogen, dass durch die Zusammenarbeit automatisch Relativierungen der eigenen Ausbildungserfahrungen entstehen. Sabine Haubitz betont, offen gefragt, auch erst einmal die formalen Aspekte einer Zusammenarbeit von Bildhauerin und Fotografin. Sie selbst als Fotografin hat eine Werktradition, die eher in die Entdeckung von Sichtweisen geht, die aufgrund technischer Situationen nur mit einer Kamera möglich sind. Kein Wunder also – natürlich kommt noch technische und ästhetische Qualität im klassischen Sinne dazu (d.h. formal handwerklich) – dass sie auch konventionelle Fotografiepreise wie den Kodakpreis etc. vorweisen kann. Die Bildhauerin Stefanie Zoche fällt dagegen eher durch ihre Auslanderfahrungen auf, die man in Bayern auf jeden Fall gar nicht hoch genug einschätzen kann, sumpft doch dieses Bundesland sonst gerne in seiner Brezelbrödelei, also der Verweigerung von Offenheit gegenüber „fremden“ Erfahrungsmustern und, um es gefährlich relativistisch auszudrücken, „fremden“ *Sprachwelten*. Doch was zeigt sich nun im Dunkel der Videoskulpturen, die das Künstlerduo bis zum 16. November in der Neuen Galerie präsentiert? Wir leihen uns die formale Werkbeschreibung bei dem Team aus Leiter Thomas Elsen und Assistentin Simone Kimmel:

„Schiffbruch, Tod und Teufel, das jüngste Projekt des Münchner Künstlerduos Haubitz + Zoche, stellt bewegte Bilder von Überflutungen in den Mittelpunkt einer ortsbezogenen, raumgreifenden Installation.

Drei
skulpturale, von der Decke abgehängte Objekte dominieren dabei
die gesamte Fläche der Galerie. Im Eingangsbereich stößt
der Besucher zunächst auf ein leuchtturmartiges Gebilde, dessen
Inneres eine rund um alle Wände, Türöffnungen und
Fenster rotierende Videoprojektion birgt, die Überschwemmungsszenen
zeigt. Die anschließenden beiden Räume werden durch zwei
weitere hängende Skulpturen verbunden, die sich wie monumentale
Keile zwischen den mächtigen Gewölbepfeilern hindurch
schieben und so beide Räume zu einer Einheit verbinden. Auch in
ihnen setzt sich mittels einer Videoprojektion das eingangs
eingeführte Thema fort, nun durch die Fahrt einer
Unterwasserkamera, die sich langsam durch geflutete Innenräume
bewegt.

Das tragende Motiv der (Über)Flutung tritt in der Arbeit von Sabine Haubitz und Stefanie Zoche nicht nur als ein ästhetisches Motiv auf, sondern wird selbst zur Bildmetapher: Das Schwimmen und Hinwegschwimmen von Gedanken, Handlungsmaximen und klaren Strategien, sowie die Sehnsucht nach Orientierung in einer immer komplexer werdenden Welt sind assoziierbare Erfahrungswerte, die dem Besucher beim Betrachten und Durchschreiten eindringlich vor Augen geführt werden.“

But... Wenn wir auch der Werkbeschreibung zustimmen, so ist doch die Interpretation kaum zu loben, denn nicht die Sehnsucht nach Orientierung wird vor Augen geführt, sondern die Möglichkeit der richtigen Orientierung wird mit dem archaischen Optimismus der griechischen Polis und ihrer Tragiker – allen voran Euripides, dem späten und intellektuellsten, dem Büchersammler, - vor Augen geführt. Die richtigen Ordnungen im Falschen sind in den Werken fast immer ganz eindeutig ! Man betrachte eine kleine fotografische Kombination aus zwei Bildern: Das linke zeigt einen Raum, „überflutet“ mit Büchern und Kartons, die Kartons weisen auf unterschiedliche Importprodukte hin, vor allem aber auf Getränke – Flüssigkeit, Flüssigkeit, Flüssigkeit. „Flüssig“ natürlich nicht nur ein Wort für Flüssiges im physikalischen Sinne eines Aggregatzustandes sondern auch Metapher für Liquidität – was den Kisten, die auf Dritte Welt Importe hinweisen, neben den Champagnerkisten neuen Sinn gibt. Sinn satt – könnte man sagen. Mitunter, z.B. in den Sinai-Fotografien von leerstehenden Hotels, die rücksichtslos in Bezug auf ihre Umgebung allein als Fehlinvestitionsprojekte aus wirtschaftlichen Überlegungen entstanden sind – wird der kalte Dokumentarismus des Künstlerduos und der politische Anspruch, schon wie mit dem erhobenen Zeigefinger auch durch Texte und weitere Erläuterungen den Werken hinzugefügt. In dem Kombibild in der Ausstellung ist nur ein bisschen Überlegung und Betrachtung erforderlich, um den Bildern echten semantischen Sinn abzuringen. Neben der Anhäufung von Getränkekartons, Kartons, die auf die mangelnde Liquidität der Dritte Welt Länder anspielen und Büchern, Büchern, Büchern, (die heute archaischen, zu Zeiten des Euripides ultramodernen Medien auf die Bühne hebend) das Foto eines Cockpits, von einem Flugzeug über dem Meer und mit Blick auf dieses fliegend, nur wie fast alles in der Ausstellung, gedreht, verkehrt, auf den Kopf gestellt. Wie in einem Bilderrätsel kann das Cockpit statt als reportageartiges Erfahrungsbild rein sprachlich, sogar „propositional“ - also wie ein Satzinhalt – aufgefasst werden: „Überfliegen ist verkehrt.“ - das Cockpit Bild ist ein propositionaler Kommentar zum linken Foto vom mit Büchern und Kartons überfüllten Zimmer, "überfliegen' ist eine Metapher für zu schnelles, zu oberflächliches Lesen.

Und die Kunst- reine Semantik? Die Formen nicht formal betrachtet, sondern der Vermittlung von neuen Einstellungen gegenüber Weltproblemen – wie, als Thema, das sich tatsächlich seit mehr als drei Jahren in den Werken von Haubitz + Zoche hält, das Wasser – komplett untergeordnet? In vielen Arbeiten ist das tätsächlich der Fall, bzw., so zeigt es die Webseite von Haubitz + Zoche, insbesondere in den Fotografien, die gerne einfach mit kalter Ignoranz gegenüber allen Fragen des Relativismus, der Perspektivität, der Artifizialität, der Bewegtheit des Blickes, des Pseudorealismus der Kameratechnik etc. ihr Objekt in Zentrum, Focus und Belichtung an handwerklichen Kriterien orientiert optimieren. Erst das „Bildhauerische“, die Inszenierung der fotografischen Arbeiten zu Installationen, kleinen Collagen wie dem eräwhnten Duo aus Bücherzimmer und Pilotencockpit oder elefantös-monumentalen Skulpturen wie den eckigen fast drei Meter langen „Guckkästen“ oder dem sich an kindlicher Mimesis erfreuenden Leuchtturm, der mit wechselnden Bildchen um sich wirft, löst die Bilder aus ihrer oberflcählichen Strenge und sortiert sie um in eine Art sprachliche Struktur, in der sich ihre Semantik und der moralisch-christliche Zeigefinger der Werke entfaltet. Die Bildhauerei also, eine Satzgrammatik, der sich auch das Handlungsverantwortung tragende Subjekt – hier das fotografische Abbild – unterordnen muss.

Doch wo ist jetzt Gott – wenn wir schon behaupten, dass das ursprünglich antikisierende Motiv zumindest in DIESER Ausstellung christlich mutiert ist? Wir wollen keine Anspielung machen auf den Vornamen der Direktion und darauf, dass der Ausstellungstitel vielleicht von der Assistenz der Gegenwartskunstabteilung erfunden wurde.... denn dann hätten wir ja genau, was wir suchen:

Selbstverherrlichung vermischt mit christlichem Verantwortungsbewusstsein und barocker Antikisierungssucht. Und natürlich , uns selbst miteinbeziehend, die Sottisen der deutschen Gelehrsamkeit und Literaturszene im ausgehenden 18. Jahrhundert....
Aber ach, ein Atlas tut es auch – wir wissen halt, dass dieser in christlicher Form als „heiliger Christopherus“, der „die ganze Welt trägt“ - durch die mehrschiffigen Skulpturen unserer christlichen Kultur(en) wandert(e). Wie aber kommen wir überhaupt auf diese Assoziation mit Atlas oder dem Heiligen Christopherus? Das Thema „Wasser“ natürlich, die Aufmerksamkeit auf ein Element, das 71% der Erdoberfläche bedeckt, erzwingt, noch verstärkt durch den internationalisierenden, in alle noch so fernen Länder gerichteten Blick, also die globale Perspektivierung der zugleich sich im Augsburgerischen einwurzelnden * Sichtweise.
*die Einwurzelung vor allem durch die Rolle der süddeutschen Totentanz-Motivik, die das antike Motiv der verkehrten Welt in christlicher Form wieder aufgriff und in Augsburg durch Sigmund Gossembrot, den Sammler und „Herausgeber“ eines bedeutenden Totentanz-Zyklus, besondere Bekanntheit besitzt.
Bei 71 % ist das Aufrunden des Wassers auf „die ganze Welt“ natürlöich gestattet, und so kann man die Verkehrung, die im Griechischen schon die Idee involvierte, dass man in ihr nicht etwa die Sehnsucht nach Orientierung sondern – viel besser – gleich die richtige Ordnung erkennen könnte, schon als synonym mit dem hübschen, ökologischen Hinweis des jungen Jesus vergleichen, der dem Christopherus auf sein Stöhnen, ob der junge Mensch zuviel Erdnüsse gegessen habe oder warum sonst er so schwer sei, antwortete, Christopherus würde nicht etwa nur ihn, sondern mit ihm „die ganze Welt“ tragen. Dabei ging es also gar nicht um die christlich-mythische Sagengestalt sondern mehr um das Medium, mit dem diese in ihren wildesten Momenten am besten übereinstimmt: das Wasser. Die Bibel also, sehr viel mehr als die Griechen, ein eigentlih ökologischer Text, dessen Leitfigur auf ein Element aufmerksam macht, das besondere Bedeutung für das tägliche, gesundheitliche, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Leben hat...
Über die Sage vom heiligen Christopüherus, die es nur in den Fragmenten (Kath.) des „Protevangelium des Jakobus“ gibt, finden wir bei Wikipedia die folgende Erzählung:
Nach westlichen Quellen war sein Name Offerus. Seine riesige Gestalt erschreckte alle, die ihm begegneten. Offerus kannte seine geistige Grenze und wollte nicht herrschen, sondern dienen – aber nur dem mächtigsten aller Herrscher. Diesen begann er zu suchen. Er fand aber keinen, dessen Macht nicht irgendwie begrenzt war. Nach langer, vergeblicher Suche riet ihm ein frommer Einsiedler, unbegrenzt sei nur Gottes Macht, und Offerus solle nur Gott dienen. „Aber wie sagt mir Gott, was ich tun soll?” Als Gottes Wille solle Offerus seine überragende Gestalt erkennen. Offerus solle an Stelle eines Fährmanns Reisende über einen Fluss tragen und diesen Dienst als den Willen Gottes ansehen. An einer tiefen Furt verrichtete Offerus fortan diesen Dienst. Eines Tages nahm er ein Kind auf die Schulter, um es über den Fluss zu tragen. Zunächst war das Kind sehr leicht, aber je tiefer Offerus in die Furt stieg, desto schwerer schien es zu werden. In der Mitte des Stromes keuchte Offerus schließlich: „Kind, du bist so schwer, als hätte ich die Last der ganzen Welt zu tragen!“ Das Kind antwortete: „Wie du sagst, so ist es, denn ich bin Jesus, der Heiland. Und wie du weißt, trägt der Heiland die Last der ganzen Welt.” Am anderen Ufer angelangt, setzte Offerus das Kind ab, worauf das Kind zu ihm sagte: „Du hast den Christ getragen, von jetzt an darfst du Christofferus heißen.”

Christopherus, als Gestalt, die vielnamig und sogar vielköpfig über Flüsse wandert, also nur allzu offensichtlich noch gräzistisches Erbe mit sich herumträgt, bis man sie, durch eine Demut-vor-Gott-Anekdote christlich gezähmt und zur Umbenennung befähigt hat, bewusstes oder unbewusstes Symbol für den Umgang mit den klassischen Werkaspekten von Inhalt und Form bei dem Künstlerduo Haubitz+Zoche? Vielleicht eine Herangehensweise, der neue Werke entsprechen oder widersprechen können. Man weiß es nicht, aber man wird es vielleicht sehen?
NEUE GALERIE IM HÖHMANNHAUS
Maximilianstrasse 48
86150 Augsburg
Haubitz + Zoche: Schiffbruch, Tod und Teufel
Vernissage: Donnerstag, 9. Oktober 2008, 19.30 Uhr
Sabine Haubitz und Stefanie Zoche sind anwesend.
Dauer der Ausstellung: 10. Oktober – 16. November 2008
Der Eintritt ist frei

Bericht und Fotos: Dr. U. Ritter