Farbe, Schein und Spur.


Werkschauen und Themen in den kommenden Ausstellungen des Hauses der Kunst, München.



Heller Schein, Farben, Musik und die Spuren des Heiligen - das Jahr 2008 soll nach dem Willen des Münchner Hauses der Kunst in der üppigsten Pracht des Ästhetischen erblühen, wie auf der Jahrespressekonferenz verdeutlicht wurde. Zum Glück feiert der bedeutende Münchner Farbfeldmaler Rupprecht Geiger gerade am 26.01.2008 seinen 100. Geburtstag. Neben einer großen Retrospektive im Lenbachhaus (wir berichteten) ist im Haus der Kunst die Rote Trombe von 1985 zu sehen. Ein riesenhaftes, zeltartiges Objekt, das es erlaubt, sich in ihm und um es herum in der strahlenden Kraft der Farbe Rot zu ergehen.


Die Installation im Haus der Kunst, zu der noch die Arbeiten „MorgenRot“ und „AbendRot“ aus dem Jahr 2000 gehören, wird ab dem 25. Januar bis zum 08. Mai 2008 im Haus der Kunst zu sehen sein.





Mit Luc Tuymans' „Wenn der Frühling kommt“ geht es dann, nachdem das Rotlicht Geigers den Winter vertrieben hat, etwa abgetönt weiter in einen kühlen Frühling,der passenderweise von osteuropäischen Museen bestückt wird.






Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Mücsarnok Kunsthalle Budapest und der Zacheta National Gallery of Art, Warschau. Tuymans retro-impressionistische Gemälde sind kühl und schwierig. Vom realitätsnahen Stil der klassischen Moderne unterscheiden sie sich augenfällig kaum, außer durch den auffälligen Farbentzug. Häufig liegen den Bildern historische Fotografien zugrunde, auf deren Schwarzweiß dann auch die Beschränkung auf Schwarz, Weiß und Grautönen in der Malerei basiert. Der dekonstruktive Aspekt gelangt durch diese systematische Verschiebung klassischer Mimesis in den Bereich reiner Repräsentation ins Spiel. Die Kuratorinnen Dr. Stephanie Rosenthal und Patrizia Dander attestierten Tuymans entsprechend, er „lasse Raum für ein subtiles Unbehagen“ und stelle Ereignisse oder Themen gezielt „oberflächlich friedlich“ dar. Tatsächlich betont die Einkleidung in das Gewand fotografischer Geschichtsdokumentation die Oberfläche der Bilder, veranschaulicht insofern Repräsentation und kontrastiert die durch die eigene Auswahl entstehende Überhöhungsdynamik durch den Hinweis auf die Authentizitätsmängel des historischen Diskurses generell. Im Haus der Kunst zeigt und relativiert zugleich man nun diese Apekte, indem die Originaldokumente, die Tuymans' Gemälden zugrundeliegen, mit in die Ausstellung einbezogen werden. Eine Ausnahme bilden Fotografien der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Tuymans' Darstellungen, z.B. des KZs Dachau, mitunter idyllisch vereinfacht, menschenleer rein architektonisch und durch ihr Schwarzweiß nahezu aufdringlich an eine Murnau'sche Schneelandschaft erinnernd, markieren überdeutlich eine Art Niemandsland zwischen einer ästhetikimmanenten Selbstkritik der Repräsentation und pseudokritischem Freisprechen, insofern sie, als Abbildung propagandistischer Darstellungen, mehr empfehlen, die Frage nach dem „Konnte man etwas wissen oder sehen?“ endgültig ad acta zu legen.


Der „dekonstruktive“ Aspekt von Tuymans postmoderner Malerei verhält sich insofern, verbunden mit der immer gefälligen Identifizierbarkeit und Helligkeit seiner Darstellungen, auffällig unkritisch. Schon durch die biographisch relevante Katholizität, aber auch durch die Beschränkung auf Repräsentation und Abstrakta – man könnte negativ formulieren, den vollständigen Ausschluss von Erfahrung - , affirmiert Tuymans in seinen Werken religiöse Weltanschauungen. Die „oberflächliche Friedlichkeit“ in seiner Werkgruppe „Les Revenants“ von 2007, die sich mit dem Jesuitenorden und der „Inszenierung kirchlicher Macht“, so die Kuratorinnen, beschäftigt, wird während der Ausstellung vom 02. März bis zum 12. Mai 2008 entsprechend daraufhin geprüft werden können, ob die Kunst als Feierstätte reiner Repräsentation sich nicht als gleiche, aber minderwertige, nur vom heidnischen Sonnenschein lebende „Ancilla“, neben die katholische Kirche stellt, als ebensolche, aber höherwertige Architektur des Behauptens, deren Referenzhierarchien durch göttliche Inspiration beleuchtet würden.


Das pralle und das ärmliche Leben im anarchischen Treiben des Profanen bilden die bunten Kontrapunkte zu Tuymans' stillen Höhen. In den Fotografien von Martin Parr, die vom 07. Mai bis zum 17.- August gezeigt werden, versammeln sich Dokumente sozialer Not und Protestes während des englischen Thatcherismus, sowie, in neueren Arbeiten, Einblicke in die „New Decadence“ insbesondere Russlands, deren Vermögen momentan die englische Luxusindustrie – vom Internat bis zur Burberry-Unterhose – mehr aufleben lässt als jedes politische Spar- oder Ausgabenprogranmm es je vermocht hätte.

Internationalität bringt auch Robert Rauschenberg ins Spiel, dessen sehr konzentrierte Arbeiten aus den Siebzigern, inspiriert durch Reisen nach Italien, Frankreich, Jerusalem und Indien, vom 09. Mai bis zum 14. September zu sehen sein werden.



Neben einer Kunstausstellung zum 200sten Geburtstag der Kunstakademie München, die insbesondere Historienmalerei und die Arbeiten von Studentinnen im 19. Jahrhundert zeigt – vor deren Ausschluss vom Studium, zudem Ausstellungen zum Thema Fotografie (William Eggleston) und Druck (Münchner Editionen), werden im Sommer und Herbst Projekte den Ton angeben, von denen eines in Zusammenarbeit mit dem Centre George Pompidou entsteht, kuratiert von Jean de Loisy und Angela Lampe, und nach der Präsentation in Paris vom 06. Mai bis zum 11. August 2008 dann ab Herbst, 19. September bis zum 11. Januar 2009, in München im Haus der Kunst ausgestellt wird. Die Ausstellung „Spuren des Geistigen. Traces du Sacré“ verspricht eine nahezu ausufernd panoramatische Sicht auf individuelle Zugänge zur und Beschäftigungen mit christlicher Religion bei Künstlern seit der Romantik bis zur Gegenwartskunst. Indem auch Selbsterklärungen und zeitgenössische, vielleicht sogar falsche Einschätzungen durch Kunstinstitutionen oder Kritik als hinreichend erachtet werden, um mehr als 200 Werke aus dem Zeitraum von zwei, eigentlich drei Jahrhunderten zu dieser Thematik zu versammeln, ließ sich schon bei der kurzen Vorausschau durch die Kuratorin Angela Lampe erahnen, dass die konzeptionelle Basis dieser immerhin sehr anspruchsvollen, weil thematischen Ausstellung eventuell ein Schwachpunkt ist. Der Ansatz ist offen unkritisch nach Odo Marquardt formuliert, der über einzelne Literaten des 18. und 19. Jahrhunderts und deren Beschäftigung mit dem Theodizee-Problem das katholische Dogma scheitern sieht und durch eine stark individualisierte Beschäftigung mit Religion oder deren Kompensation in der Kunst ersetzt wird.




Inwiefern die „Spuren des geistigen“ aber genuin „kompensatorisch“ sind – also auch eben nicht auf die christliche Religion sondern auf ganz andere Basen des im weitesten Sinne Religiösen verweisen – oder diese Spuren sogar bewusste Ausprägungen einstmals nur religiös funktionalisierter Darstellungsformen sind – wie in den Alltagsmythologien von Roland Barthes beschrieben, bleibt in der Ausstellung unreflektiert. Mal reicht ein Kreuz, mal ein Kritiker, dann wieder Leidensformen oder individuelle Eingebungsfantasien, um eine Subsumption unter die „Spuren des Geistigen“ zu erreichen. So sieht dann, was sich ursprünglich als Absage an katholische Glaubensvorgaben entwickelte, sich selbst, vielleicht unglücklich, als dessen riesenhafter Tintenfisch wieder, aus dessen Saugnäpfen noch immer der Geist des Papstes tropft.








Schließlich etwas Frisches und Kritisches: Das Künstlerduo Allora & Calzadilla, durch Aktionen und ortspezifische Arbeiten in verschiedenen Medien bekannt, werden für die Galerie der Freunde im Haus der Kunst eine Arbeit entwickeln, die sich mit dem Einfluss türkischer Musik auf die klassische Musik des Westens beschäftigt. Beethoven und die Janitscharenkappellen werden voraussichtlich – wie es bekannte Werke wie „Clamor“ von 2006 und „Sediments Sentiments“ von 2007 nahelegen, musikerfüllte Räume schaffen, die die Besucherinnen und Besucher überraschende Verdichtungen musikalischer Architekturen erfahren lassen, die – über Musik und Klang – auch in verblüffender Weise - die appellative „Inhaltlichkeit“ abstrakt ästhetischer Wahrnehmungen verdeutlicht.



Haus der Kunst

Prinzregentenstrasse 1

D - 80538 München

Tel + 49 - (0)89 - 21 127 115

Fax + 49 - (0)89 - 21 127 157

http://www.hausderkunst.de


Programmvorschau 2008:


Rupprecht Geiger. Farbe tanke für neue Energie. 25. Januar bis 08. Mai 2008


Luc Tuymans. Wenn der Frühling kommt. 02. März bis 12. Mai 2008.


Martin Parr. Parrworld. 07. Mai bis 17. August 2008.


Robert Rauschenberg: Travelling '70 bis '76: 09. Mai bis 14. Spetember 2008


Die Kraftprobe“ - 200 Jahre Kunstakademie München. 30. Mai bis 31. August 2008


Allora & Calzadilla. Juni bis September 2008


Spuren des Geistigen. Traces du Sacré. 19. September bis 11. Januar 2009


Garin Nugroho, „Opera Jawa“ 19. September bis 11. Januar 2009


Munich unlimited. Münchner Editionen von Beuys bis Richter 1967 bis 2007

17. Oktober bis Januar 2009


William Eggleston, Frühjahr 2009.




Fotos der Jahrespressekonferenz (Pult und Bühne: Chris Dercon und Ausstellungskuratoren): Dr. U. Ritter


Objektfotografien:


Luc Tuymans
Die Zeit (part 1/4), 1988
Öl auf Karton
37 x 40 cm
© Luc Tuymans
Courtesy: Zeno X Gallery, Antwerpen


Martin Parr
Moscow
Moscow Fashion Week, 2004

© Martin Parr



Giorgio De Chirico
The Great Metaphysician, 1917
Öl auf Leinwand
104,8 x 65,5 cm
Privatsammlung