Vom UNTER-Jubeln. Wie sich die Unterleibskontrolle durch KOTEKS Ausstellung „Eiertanz“ zieht.
Ausstellung in der Neuen Galerie noch bis zum 28. März
Schön und schwierig sind bewusste Adaptionen und Verarbeitungen kunsthistorischer Meisterwerke durch zeitgenössische KünstlerInnen, die in solchen Fällen schnell in den Verdacht geraten, sich mit Bewährtem künstlich aufzuwerten. Selbst wenn mit bewährten Inhalten aber billige Qualitätsprojektionen einhergehen, sind diese so billig nun auch wieder nicht, denn an dem Aufgegriffenen kann man auch gemessen werden und, zudem, ist die Erinnerung an die eigene Tradition ja das gute Recht der Kunst. Insofern sind die betonten Distanzierungen von direkten Übernahmen von Hans Holbeins „Totentanz“ oder Caspar David Friedrichs romantischen Motiven, die in den Erklärungen zur aktuellen Ausstellung in der Neuen Galerie der Künstlerin KOTEK vorgenommen werden, zwar sicher berechtigt - sie beschreiben den Stellenwert der historischen Referenzen als Inspiration – aber auch überängstlich.
Zudem haben sie eigentlich den Effekt, von einem anderen Aspekt abzulenken, an dem man sich bei den stilistischen Ekkletizismen von KOTEK eher stören könnte: Dass nicht nur Klänge von Totentanz und Romantik, sondern auch deutliche Politizismen - natürlich rabenschwarz – durch die Werke geistern: Das Todesmotiv wird auf das Oval umprojiziert: als Form der Palette, des romantischen Freundschaftsbildes, der christlichen Ikone oder auch des Eis – als organischer Gegenstand oder als Bild, wie auch immer. Die Ausstellung heißt entsprechend „Eiertanz“, zur Verblüffung mancher BesucherInnen. Vielleicht weil diese Thematik dann doch einigen, insbesondere dem veranstaltenden Leiter der Galerie Dr. Elsen, zu heikel war, in Zeiten, in denen die bedingungslose Befürwortung des menschlichen Lebens im Katholizismus durch den Umgang mit strenggenommen, am deutschen Recht gemessenen, strafbar-antisemitischen Mitgliedern mehr als fragwürdig ist, in seiner Glaubwürdigkeit. Darum hängt wohl auch ein Schlüsselbild für den Ausstellungstitel, das wie alle Arbeiten in den letzten Jahren und extra für die Präsentation in der Neuen Galerie entstanden ist, weit hinten links in den Ausstellungsräumen, bei der Ausstellungseröffnung mehr oder weniger von der Garderobe versteckt und in der Einführungsrede des Kurators, die glücklicherweise in der Ausstellung ausliegt, nicht erwähnt.

Das Schlüsselbild ist dreiteilig, ein Triptychon also, das auch tatsächlich an Passion und Kreuzigung erinnern soll. Das Totentanzmotiv wird wie in den meisten Werken der Ausstellung über ein Skelett aufgegriffen, wobei bei Kotek nicht der Tod personifiziert wird sondern mehr ein Todesopfer, das Skelett hat kindliche Statur und soll eben dieses Thema eröffnen. Mehr durch experimentelle Techniken des Farbauftrages entsteht über das mittlere, nicht figurative Bild eine Beziehung in einem Rundbogen zum linken Bild, in dem der ausgestreckte Arm des Kinderskeletts semifigurativ aufgegriffen wird von einer scheinbar sorgenden „Atem“ bringenden Gestalt.
Unschwer erkennt man eine Umkehrung, spiegelbildliche Fassung von Michelangelos Schöpfungsszene von Adam durch Gott. Das Ei also soll verstanden werden als Motiv des Lebens statt des Todes, womit das Thema „Kindstötung“ auch politisch eindeutig interpretiert ist, und die gesamte Ausstellung mit ihren Referenzen an den Totentanz in ein trauriges Lehrstück kippt. Nun, auch die politisch eindeutigen Lehrstücke sind ja Augsburger Tradition, Mutter Courage und der 30jährige Krieg, Brecht und was sonst noch so bekannt ist und irgendwie unterzubringen, das darf assoziiert werden. Die Künstlerin selber verweigerte – geschickt aber auch nahezu unverschämt – die Auskunft auf so einfache Fragen, wie, ob ihre Werke christliche Inhalte hätten und welcher Konfession sie angehöre. Das wäre alles egal, man solle sich bitte „inspirieren“ lassen oder hätte eben der Einführungsrede des Kurators zuhören sollen. KOTEK, obgleich in den Beständen der Kunstsammlungen selbstverständlich vertreten und in den Sammlungspräsentationen eigentlich kontinuierlich zu sehen, fand es offensichtlich erforderlich, vor dem Kurator barocke Rhetorik zu pflegen. Die Behauptung, die Inhalte der Ausstellung wären rein inspirativ, nahezu unbenennbar oder unwichtig, ist allerdings unhaltbar. Höchstens möchte man sie nicht wahrhaben, wie die Kritikerin der Augsburger Allgemeinen, die den Titel „Eiertanz“ nicht nachvollziehen konnte und sich eher auf die formalen Mittel der Kunst KOTEKs konzentrierte. Diese sind auch durchaus ansprechend variantenreich, fast schlichte Motive wie aus der Pop-art werden dem Thema angepasst – ein Schild mit Aufschrift „TRANSIT“ als gewollt primitiv-alltägliche Anspielung auf die Todes- und Vanitas-Thematik im „Bildnis eines Edelmannes“, eine Mischung aus Stundenglas und Dosenaufschrift mit erkennbaren Schriftzügen „IRAQ...“ in einem anderen großformatigen Bild ohne Titel, dann schließlich „Maria“ mit Figurengestaltungen, die kompliziertere Vorbilder in der Kunstgeschichte haben, wobei KOTEK schon hier das Kind, überdimensional und wie in einer weiß-konturierten Wasserblase in das Zentrum des vier Meter breiten Bildes rückt.
Also, Totentanz, Eiertanz – denn wir sind ja alle arme Sünderinnen, vielleicht sogar Frauen unter den Besucherinnen, die schon einmal abgetrieben haben, *Kindsmörderinnen* also, die den Sinn der Schöpfung in sein Gegenteil verkehren usw. etc. pp. Es ist klar, dass KOTEK mit solchen Ansichten nicht im liberalen Berlin bleiben konnte, in dem sie eine Zeitlang gelebt hat. Denn in Augsburg ist das Hausieren mit solchen politischen Offensiven sehr viel gewinnbringender, zumal, wenn die eindeutig politischen Inhalte verleugnet oder zumindest „retuschiert“ werden können, sodass sie keine offene Diskussion oder gar Empörung evozieren sondern eben so wirken, wie auch religiöse Propaganda für offensichtlich wissenschaftlich Unhaltbares, das kaum jemand wirklich akzeptiert, wie die wesentlichen Glaubensinhalte der Existenz eines Gottvaters, Schöpfungsmythen etc.. Vermittelt werden diese über Emotionen, künstlich erzeugte Sympathien und Antipathien, implizite Gemeinschaftsbildungen in Bezug auf moralische Themen und den Verzicht auf Diskussion. Wenn Religiösität aber auch immer akzeptabel bleibt als Bedürfnis, verstorbene, geliebte Menschen oder Wesen in einer Form weiterbestehen zu sehen, so ist das Unterjubeln von eindeutig bestimmbaren politischen Inhalten, nahezu Polemiken, durch ein scheinbar oder angeblich rein formales Spiel mit den Möglichkeiten der Gegenwartskunst und reine, individuelle Inspiration fast schon eine gezielte Verfälschung der Ausstellung und der Werke. Wir hoffen, dass, aber wir wissen es nicht, der Kurator Dr. Elsen und seine Assistentin Fr. Kimmel, die Ausstellung anders präsentieren als sie offensichtlich von der Künstlerin gemeint ist, weil sie die nahezu „platte“ Umkehrung des Totentanzes in eine Abtreibungsthematik ablehnen und sich nicht zum Büttel dieser Form der politischen Propaganda machen wollten. Ebenso könnte man jedoch glauben – es distanziert sich ja niemand – dass die Veranstalter gerade diese Strategie des stillschweigenden Unterjubelns befürworten.
Man erinnert sich aber, dass Coca Cola, obgleich sie den Weihnachtsmann erfinden durften, verboten wurde, in Millisekunden Wüstenbilder u.ä. zu zeigen, die den Appetit auf Coca Cola ohne die Möglichkeit zur bewussten Wahrnehmung durch das Werbeopfer stimulieren sollten. Strategien also, die man den Medien, deren Inhalte nicht durch Parteien vollständig kontrolliert werden, verbietet, sind in der Kunst und ihrer Vermittlung, die sehr viel stärker vom Parteienproporz abhängt, erlaubt? Und die Kunstvermittlung betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, gerade solche Gestaltungen des Unterjubelns als sprachliche Strategie von Kunstwerken für die BesucherInnen transparent zu machen?
Ulrike Ritter
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Noch bis zum 28. März Neue Galerie im Höhmann-Haus Maximilianstr. 46 86150 Augsburg Infotelefon: (0821) 3244102 |
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