Fahren, fahren, fahren....oder fliegen?


Zur Monumentalinstallation "Abflug" von Magdalena Jetelová im H2 - Zentrum für Gegenwartskunst in Augsburg















































Die Medientheoren der späten Siebziger und der achtziger Jahre, z.B. von Friedrich Kittler und Paul Virilio haben nicht nur die Verflechtung von Bewusstsein und Medienkultur im Alltag, sondern insbesondere die von Militär, Militärmaschinerie und alltäglicher Medientechnik minutiös oder exzentrisch nachgezeichnet. Der Rising Star unter den Abfallprodukten des Kalten Krieges, das Internet, beflügelt durch eine Entwicklung der Computerindustrie, die in den Zeiten des Kalten Krieges vielleicht auch aus sicherheitspolitischen Erwägungen nicht möglich gewesen wäre, trieb in seinen ersten zehn Jahren wunderbare Blüten medialer Kunst, die sich mit Vorliebe mit Sicherheitstechnologien "beschäftigten", in ästhetisch-theoretischem Rahmen oder als agent provocateur, dann jedoch vornehmlich mit den Nachbarn im Netz spielend, das noch auf Kindesbeinen tapsende Webbusiness karikierend wie etoy.com oder virtuelle Identitäten inszenierend, die man selber gerne hätte. Wahrgenommen wurde so etwas in der Kunstszene leider häufig gerade dann, wenn es dem Internet kritisch gegenüber stand. Das Web kennt ja bekanntlich keine Bundesländer, keinen Parteienproporz, keine dörfliche Verhaltenskontrolle. Natürlich weiß man nie so genau, wer in welchen Webunternehmen von wem ferngesteuert wird. Aber wie ees auch sei. Zu Beginn der Neunziger auf jeden Fall waren die technologischen Militaria, das Web eingeschlossen, media of romance, nostalgische Relikte, die man sich wie Broschen an die Schweißerbrille oder das Fassbinder-Mäntelchen hängen konnte. Zu dieser Zeit wurde Olina Lialina auf eine Professur für Medienkunst in Stuttgart berufen. Schon vor ihr, 1985, kam Magdalena Jetelová aus Osteuropa mit einem Förderstipendium der Landeshauptstadt München nach Süddeutschland, und hat dort seit 2004 eine Professur an der Akademie der Bildenden Künste. zwar begann sie ihr Werk mit (monumentalen) Holzskulpturen und Installationen in Werkhallen, die noch nicht ganz die Technologiefreude der frühen Neunziger ahnen lassen konnten, doch exakt 1990 realisierte sie im hohen Norden ein hochtechnologisches Landart-Projekt, in dem sie entlang einer geographischen Erdspalte, quasi diese nachzeichnend, Laserlicht durch die fast den ganzen Tag über dunkle Landschaft legen ließ. Andere Projekte arbeiten mit Satellitentechnologie, um über internationale Standorte zu kommunizieren, was inbesondere bei Jetelova bedeutet, dass man beobachtet und seinen Blickraum unbegrenzt oder zumindest unter Infragestellung der Grenzen erweitert. Prototypisch für diese Empfindung einer Einengung war die Pyramiden-Installation "Domestizierung einer Pyramide" (Wien) , die eine Pyramide in annähernder Originalgröße in das Kunstmuseum hineinbaute, um Treppen und Wände herum und in diese hinein.



Ab den 1990er dann zunehmend die immateriellen Strategien der Ausdehnung und einer Mimesis der Beobachtung: Licht, Laser, Satellit, unsichtbare Schwingungen, Wellen, Teilchen usw...



Der erste Titel in der seitenlangen Projektliste Jetelovás, die man auf ihrer Webseite findet ( www.jetelova.de ), den ausdrücklich "Innere Sicherheit" thematisiert, verweist auf eine Ausstellung im Marburger Kunstverein 2006. In viel größerem Rahmen und quasi einer idealen Umgebung, den riesigen, "gläsernen" und whitehalligen Räumlichkeiten des H2 im Glaspalast, einem umgebauten Fabrikgebäude mit einem hübschen, nahezu geheimnistuerischen grafischen Kabinett, hat Jetelová nun die Monumentalinstallation "Abflug" inszeniert. Der technologische Impuls kommt sicher an den berüchtigten Franz-Josef-g-Flughafen heran, der Name der Ausstellung reiht das H2 geschickt ein in die Luxusarchitekturen des Hotel Kempinskis, dessen wunderschönen Marmorhallen und seiner netten Diskothek "Night Flight". Romance satt, bis hinein in den wunderbar verfänglichen Namen des Ausstellungsortes, ebenso für jüngere Altersgruppen verboten wie der Nachtflug. Also die gesamte Schüssel des Heimlichen, Anzüglichen, Verdeckten und Versteckten, der Ausdehnungswünsche und Scopophilien. Sie richten sich, in der Ausstellung nur mit der Zeit und dem Erleben deutlich werdend, auf Beliebiges im Raum, insbesondere aber auf Beine, die Fortbewegungsmittel von jedermann und jederfrau, die eine Kamera in der Ausstellungshalle, die wie ein vergessenes Baustellenfahrzeug daherkommt, immer wieder einfängt und weitergibt. Nach zwei Minuten, so die Künstlerin, erscheinen die Kameraaufnahmen auf einer Videoleinwand im fotografischen Kabinett: schwarz-weiß, seltsam angeschnitten, die Personen häufig flachgelegt, die Räume ebenso unräumlich zur abstrakten Flächengestaltung verändert. Die Aufnahmen sind künstlich lichtreduziert, sodass die wunderschön silbrigen Rohre an der Decke der Halle wie die Neonlichter ihre ganze ästhetische Wirkung entfalten können. das besondere, sofort ins Augefallende Gestaltungselement ist die komplette Verspiegelung der Hallenwände.

Diese Spiegel sind nicht freundlich und berechnebar starr, wie man es von Ballettsäalen kennt, sondern wrden durch unsichtbare Bewegungsmelder an der Decke dazu veranlasst, hin und her zu schwanken und das Spiegelbild in Wellen aufzulösen. Die Assoziation von Spiegelglas und Wasserspiegelungen lässt an das Phänomen einer Oberflächenhaut denken, die ein leicht überfülltes Wasserglas nicht überfließen lässt. Für die Glaser haben Scheiben eine ähnliche Struktur, lassen sich einmal angeschnitten an dieser Stelle gleich komplett zerlegen. Die technologischen und nahezu phobischen Spiele mit Allmachtswünschen und Phantasien, die sich in dieser kleinen Mimesis der realen Satellitenschachtel der "Dienste" für Innere Sicherheit in Gabling (einer Art Irokesenschopf) zeigen und lustvoll Raum schaffen, bekommen so noch eine Art organischen Impuls und rücken den KunstrezipientInnen damit etwas mehr auf die Pelle als das reine Showing des "Innere Sicherheit has more fun" - Programms. Der Film bzw. die Filmaufnahmen, die man im fotografischen Kabinett zu sehen bekommt, sind zudem prototypisch "stylischen" Experimentalfilmen der Achtziger Jahre dermaßen ähnlich, dass sie, als zufällig durch die herumschwenkenden Kamerabewegungen entstanden, die Frage aufwerfen, wie die Auswertung des beobachtungsmaterials auf die Gablinger MitarbeiterInnen wirkt, ob sie dadurch kunstästhetisch geschult oder tolerant werden oder gerade zur Ablehnung von Kunst erzogen, weil ihre Aufmerksamkeit ständig dem Gegenstandsbezug gewidmet ist und die Art und Weise der Darstellung schlicht nur Behinderung ist. Man bedenke, dass selbst Sherlock Holmes, ebenfalls analytischer Beobachter, in der Affaire des böhmischen Königs lernen musste, dass Darstellung den Gegenstandsbezug vollkommen verändern kann und die Art und Weise ihrer Wahrnehmung nicht unabhängig ist von den Gefühlswelten des Betrachters oder der Betrachterin, dessen/deren Bereitschaft, Darstellungsformen für möglich zu halten, auch von ebensolchen nicht immer bewussten Aktivitäten der Gehirnzellen abhängen. Wie tief schürft also die kleine Überwachungskirmes, die den Personen im Raum einerseits Allmachtsphantasien nimmt, indem sie die Ursachen der Spiegelerschütterungen vor ihnen versteckt, andererseits durch die körperliche verursachung einer Raumerschütterung mit den eigenen Bewegungen ihnen wiederum Allmachtsmomente nahezu aufzwingt. Wir trampeln hier ein bisschen im Eingemachten herum. Die Halle sieht, so hell und licht und spiegelicht, natürlich suuper aus. Man benötigt einige Zeit, um die Spiegelwellen nicht mehr nur als ästhetisches Phänomen zu sehen sondern dem gesamten "System" der Ausstellung mit Bewegungsmeldern, Kamera und Auswertungskino auch in seiner Bedeutung auf die Schliche zu kommen. Dann ist die Ausstellung eigentlich nicht mehr schön, sondern irgendetwas zwischen lustig und gespenstisch, dunkel, unangenehm? Geeignet, der eigenen Wahrnehmung von Beobachtungen in so einem Sinne auf die Schliche zu kommen? Hm....







Bericht und Fotos: Dr. Ulrike Ritter


Ausstellungsdaten: "Abflug" von Magdalena Jetelová

28. Mai bis 14. September 2008

H2 - Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast

Beim Glaspalast 1

86153 Augsburg

Tel. 0821 / 324 - 4155 oder - 4162

Öffnungszeiten Di 10-20 Uhr

Mi-So 10-17 Uhr