Tückischer Hochglanz
Josephine Meckseper im Kunstmuseum Stuttgart
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Konzeptkunst theoretisiert den Begriff, bietet der Anschauung wenig und überprüft innerhalb der Kunst Prinzipien der Konstruktion - der technischen Konstruktion von Objekten, sozialer Konstruktionen, symbolischer, begrifflicher... - doch wie konkret?
Als Erstobjekt der Konzeptkunst wird allgemein das berühmte Werk "Fountain" (1917) von Marcel Duchamp alias Richard Mutt angesehen. Doch was war es wirklich? Ein Urinoir. Einem solchen Gegenstand kann man nur einen geringen "retinalen" (auf die Retina des Auges wirkenden) Wert abgewinnen, eher erwartet man funktionale Zuverlässigkeit. Als deplaziertes Objekt kann es für Aufsehen sorgen oder tiefgehende Diskussionen entfachen.
Die Werke, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Konzeptkunst entstanden sind, insbesondere seit den späten sechziger und siebziger Jahren, reichen entsprechend von nahezu unsichtbarer Kunst - wie zum Beispiel die rein pragmatisch, an der sozialen Intervention orientierten Aktionen der sehr erfolgreichen Künstlergruppe WochenKlausur - bis hin zu dekonstruktiven Gebilden, die alltägliche, "retinale", d.h. auf das Auge und die Wahrnehmung allgemein zielende Objekte desorientieren, um so deren Wirkung zu unterwandern. Diese Form der Konzeptkunst ist quasi notwendigerweise selbst sinnlich aufsässig, da sie anders ihren Gegenstand gar nicht erfassen könnte. Silber, Glas, Spiegel, Kunstfelle und künstlich ausstaffierte Modells, artifizielles Posing und Glitzerschmuck, Symbole der Einordnung und Zugehörigkeit bilden das suggestive Netz, das Josephine Meckseper in ihren Installationen, Skulpturen, Schaufenstern, Gemälden, Fotografien und Filmen aufnimmt und neu formiert.
Ein berühmtes Beispiel ist "CDU-CSU" von 2001.

Das C-Print zeigt zwei dürre Modells in Schwarz und Blau auf Weiß, sich seltsam räkelnd auf deutschen Mittelstandsmöbeln von Ikea, ausgestattet mit Fellimitat-Decken aus dem Supermarkt, vor einem mit Spiegelfolie aufgepeppten Kaminzimmer-Hintergrund in plötzlich erstarrter Bewegung. Hinten rechts im Spiegel, also vorne rechts neben dem Betrachter/der Betrachterin eine listig inszenierte Bedienstete. Schwarze Garderobe und weiße Rüschentasche lassen eindeutig eine Serviererin erkennen, mit hochhackiger Aggressivität aufgestellt, vielleicht eine kostümierte Puppe, Typ „französisches Zimmermädchen“. Die Vordergrund-Models tragen goldglitzerne Wahlkampf-Kettchen mit CDU und CSU Schriftzug. Das CSU Modell verbindet in seiner Geste elegant Blau, Weiß und Braun, während die weiche Schwester, eher sportlich, weit weniger hochhackig, sich in schwarzem, bauchfreiem (dort zarte rote Streifen) und weit offenem Catsuit auf braunes Imitat bettet....So kommen die Objekte ins Reden und ins Gerede, sind alle drei Prostituierte? Eine hohe Zusammenstellung des Rechten und Billigen? Ähnlich wie in dem Spiegel, als Augentäuschung, wie das goldgerahmte Bild im CDU/CSU C-Print, das auch kein Bild sondern Spiegelglas enthält. Der Blick durch die Glaswände im Hintergrund - die auch die gespiegelten Wände des Vordergrundes sein könnten, zeigt einen gläsernen Pavillon, wie man ihn von dem Münchner Straßeneck Stachus - Pacellistraße kennt, dort also, wo das Münchner Amtsgericht ansässig ist. Der Pavillon beherbergt normalerweise attraktive Automobile, Prestigobjekte der Richter und Anwälte, die sich in den benachbarten Cafés beköstigen und - davor oder danach - in der Regel parteibuchtreu ihr Amt ausüben. Mit diesem Ausstellungsobjekt in der Nähe des Gerichts assoziiert Meckseper die beiden Prestigefiguren, an deren Zugehörigkeit zur dominanten bayerischen Regionalkultur sie durch die Goldkettchen ebenfalls keinen Zweifel lässt. Die scheinbar untergeordnete Serviererin im Bildhintergrund bekommt dadurch eine neue, dominante Rolle, fungiert quasi auch durch ihre Blickrichtung nach links zum Pavillon als Maître d'Hotel, der die beiden Vorgeführten bei Gericht präsentiert - insbesondere das weißblond-blaue Modell "CSU" - eine bayerische Leibspeise.
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Im Kunstmuseum Stuttgart sind vom 14. Juli bis zum 28. Oktober 2007 auf vier Etagen Werke der Künstlerin zu sehen. In einem der Räume hat die Künstlerin eine Boutique-Station eingerichtet: Schaufenster rechts und links rahmen den Eingangsbereich, dahinter schließt sich ein sogenanntes "shelf" von Meckseper an. Auf silbern bezogenen Regalböden stehen unterschiedlichste Objekte.
Im obersten Stockwerk des Kunstmuseums ließ die Künstlerin eine große Wand mit zwei ihrer prominentesten Vitrinen einbauen, wobei "The Complete History of Postcontemporary Art", die Symbole der französischen Protestbewegung mit Mode und Werbung mischt.
Die Beschäftigung mit dem Schaufenster als wahrnehmungssteuernder Konstruktion wird auch in einer Rauminstallation im Untergeschoss umgesetzt. Dort wird üblicherweise wegen einer räumlichen Besonderheit jeden Abend ein neun Meter breiter Ram durch ein Glasshot gesichert, was die Künstlerin zu einem riesigen Schaufenster mit verspiegelter Rückwand und Skulpturen inspirierte.
Das C-Print zeigt, dass die schnelle Wahrnehmbarkeit der Installationen, die Meckseper vorführt, täuscht. Inwiefern ihre Installationen nicht nur gewohnte Darstellungsformen übertreiben, sondern diese wirklich kritisch unterlaufen, gibt sich nicht auf einen Blick zu erkennen, ist vielleicht mitunter, wie häufig in der Konzeptkunst, überhaupt nicht aus dem Werk "an sich" zu erschließen.
Dennoch dürfte zumindest vorläufige Verwirrung den Eindruck des Gefälligen bei allem Hochglanz überwiegen.
Bericht: Dr. Ulrike Ritter
Fotos: Kunstmuseum Stuttgart, VG bildkunst
Ausstellungsinformationen auf einen Blick
Josephine Meckseper
Kunstmuseum Stuttgart
Kleiner Schlossplatz 1
70173 Stuttgart
Kontakt
Telefon: +49 (0) 711 – 216 21 88
Fax: +49 (0) 711 – 216 78 20
info@kunstmuseum-stuttgart.de
Öffnungszeiten
Mo, Di, Do: 10 – 18 Uhr
Mi und Fr: 10 – 21 Uhr
Sa und So: Geschlossen
Eintrittspreise Sonderausstellung: regulär 8 Euro, ermäßigt 6,50 Euro.
Zur Ausstellung "Josephine Meckseper" erscheint im Hatje Cantz Verlag ein gleichnamiger Katalog. Hrsg. Marion Ackermann, Texte von Okwui Enwezor, Christian Höller, Interview mit der Künstlerin von Simone Schimpf, Deutsch/Englisch.