Die Kunstmesse Salzburg als lebendiges Kunsterlebnis: Ein Interview mit Messeleiter Günter Neuwirth. Von Dr. Ulrike Ritter
Ritter: Die Kunstmesse Salzburg gilt als offenes und lebendiges Kunsterlebnis. Dafür ist sie bekannt. Was ist der Kerngedanke der Konzeption?
Neuwirth: Der Grundgedanke der Konzeption ist, bildenden Künstlern eine Plattform zu bieten, sich direkt dem Publikum zu präsentieren. Vor allem geht es auch darum, dass wir die Künstler dahin bringen möchten, auch auf der Messe aktiv zu arbeiten, um auch der 'breiten Masse' den Unterschied zwischen den einzelnen Stilen, Techniken, Stilrichtungen, Materialien zu zeigen.
Daher publizieren wir auch immer „Kunst erleben“ und bieten dem Publikum daher auch die Möglichkeit, sich mit dem Künstler und seinen Werken auseinanderzusetzen.
Ritter: Und auf der Messe selber, wie zeigt sich das dort?
Neuwirth: Das wird vom Publikum sehr positiv aufgenommen. Die Leute setzen sich mit den Werken und dem Künstler auseinander, diskutieren miteinander. Unser Grundgedanke wird wirklich positiv aufgenommen.
Ritter: Es ist ja hier auf der Messe auch möglich, dass Künstler sich selber vorstellen, unabhängig von den Galerien.
Neuwirth: Das ist unser Schwerpunkt. Im deutschsprachigen Raum sind wir sicher die einzige Messe, vor allem auch in dieser Größenordnung, welche Künstlern die Möglichkeit der Direktpräsentation bietet, ohne Galeriebeteiligung. Wir haben das auch offen konzipiert, d.h., wir wollen bewusst niemanden ausschließen, Galerien, Institutionen, Vereinen, wie auch immer, die sich also bewusst mit Kunst auseinandersetzen, bieten wir die Möglichkeit der Direktpräsentation.
Ritter: Wie sieht das innerhalb der Messepräsentation aus, von der Verteilung der Hallen?
Neuwirth: Na ja, der einzige Schwerpunkt ist, dass wir hier in der Halle 1 des Obergeschosses die Galerien positionieren, soweit wir mit einem Obergeschoss auskommen. Ansonsten mischen wir ganz bewusst, wir versuchen auch aufgrund der Unterlagen eine gewisse Dramaturgie hineinzubringen, sodass man nicht ganz extreme Gegensätze nebeneinander oder vis à vis stellt – das gelingt nicht immer, aber unser Bemühen ist es.
Ritter: Wie sind die europäischen Länder ungefähr anteilig vertreten?
Neuwirth: Österreich ist Schwerpunkt, wir haben ca. 50 % Österreicher. Zweitwichtigste Nation für uns ist Deutschland, keine Frage, dann die Schweiz und Italien. Das ist sicher der Schwerpunkt der Ausstellung. Wir haben heuer insgesamt Künstler aus 18 Nationen, wobei es manchmal, also z.B. bei Rumänien, auch nur einen Künstler aus einem Land gibt, mit dem aber die Nation doch vertreten ist.
Ritter: Die osteuropäischen Länder haben hier doch ohnehin Tradition durch die Sonderausstellungen, oder?
Neuwirth: Das ist richtig, die diesmalige Sonderausstellung „Grenzwerte“ oberösterreichische und böhmische Künstler, das ist ein uniongefördertes Projekt, quasi grenzüberschreitend, und somit haben hier also auch die Tschechen praktisch Platz.
Ritter: Wird das vom Publikum gerne gesehn oder vielleicht sogar erwartet, dass man einen Blick über den Tellerrand bekommt – jetzt gerade von den Salzburgern oder den Österreichern - dass man hier die Kunst aus den Nachbarländern sieht?
Neuwirth: Das beschränkt sich nicht nur auf die Salzburger – natürlich, die Leute sind interessiert. Das Thema Kunst und Kunstmesse selektiert schon die Besucher. Es kommt ja wirklich nur jemand her, der sich für Kunst in irgendeiner Weise oder Form interessiert. Das ist eben keine allgemeine Publikumsmesse, auf die die gesamte Familie kommt. Damit erwartet man eigentlich auch, Kunst aus angrenzenden Ländern, fremden Ländern oder Kulturen hier zu sehen.
Ritter: Also ist das Interesse mehr gezielt auf die Gegenwartskunst gerichtet, von der man sich einen repräsentativen Überblick verspricht? Als dass man sagen würde, gut, das sind unsere Nachbarländer, das interessiert mich allgemein kulturell?
Neuwirth: Es ist ein speziell kunstinteressiertes Publikum, das sich hier einen Überblick verschafft, wohin sich die zeitgenösssiche Kunst entwickelt. Wir haben ja viele Jahre in der Vergangenheit abstrakte Kunst gehabt, die , so kann man wohl sagen, derzeit „out“ ist. Es geht in den Naturalismus hinein, in den Realismus, vielleicht noch Naturalismus etwas abstrakt dargestellt. In diese Richtung entwickelt sich die Kunst.
Ritter: Kann man auch von den Disziplinen her Trends
ausmachen, die vielleicht dazu passen? Es gibt ja auch eine
Sonderausstellung zur Fotografie, die eher so im Bereich Mode- und
Erotikfotografie liegt?
Neuwirth:
Was Sie anschneiden ist in der Art noch keine Sonderausstellung. Der
Fotograf Erwin Gabriel ist
eigentlich ein Kooperationspartner des
Hauses, der international fotografisch arbeitet und sich mit
künstlerischer Fotografie auseinandersetzt. Er fotografiert für Playboy
und Penthouse, weshalb bei ihm auch die erotische Fotografie bei ihm im
Vordergrund steht. Das Thema Fotografie ist ein Bereich der absolut im
Kommen ist. Das dauert in Österreich immer ein bisschen länger. In Amerika
hoch aktuell. Wird auch in Deutschland schon wesentlich mehr angenommen
und beginnt schon langsam bei uns auch als Kunst anerkannt zu werden.
Ritter: Kann man das auch bei den Werken hier schon sehen ?
Neuwirth: Bei den Werken vielleicht weniger als bei den Stilrichtungen, wir hatten es ja schon angeschnitten, dass die naturalistisich-realistischen Darstellungen absolut im Kommen sind, während z.B. die Aquarellmalerei im höherwertigen Kunstbereich doch etwas in den Hintergrund getreten ist. Jetzt geht es doch eher in die großflächigen Bilder – Acryl oder Öl.
Ritter: Gibt es unter den Künstlern, die
unabhängig von Galerien selbst ausstellen, einen, der nur Fotografien
zeigt?
Neuwirth: Ja, das wäre eben der Erwin Gabriel. Jemand anders haben wir derzeit nicht.
Ritter: Also, das ist noch nicht so weit, aber es wäre möglich.
Neuwirth: Doch.
Ritter: Okay. Innerhalb der Galerien ist Fotografie ja auch gut vertreten.
Neuwirth:
Ja, absolut.
Ritter: Also, es gibt internationale Fotografie hier, und internationale Kunst, wie z.B. die koreanische Kunst bei der Galerie Böhner. Das gibt es wahrscheinlich bei den anderen Galerien auch – ist das ein neues Interesse am europäischen Markt? Gab es das früher schon auf den Messen hier in Salzburg?
Neuwirth: Wir haben asiatische Kunst schon früher hier gehabt. Vielleicht in einem etwas kleineren Rahmen als es jetzt die Galerie Böhner zeigt. Auffällig ist aber auch, dass die Asiaten und Mittelasiaten sehr stark nach Europa drängen.
Ritter. Kann man das auch an der Kunst sehen? Gibt es von den Stilen her eine Art Globalisierung oder Internationalisierung?
Neuwirth: Es ist, glaube ich, noch zu früh, um einen Trend festzustellen.
Ritter: Also man kann eher noch asiatische Traditionen sehen?
Neuwirth: Ja, wobei die Asiaten natürlich, wenn sie nach
Mitteleuropa kommen, sich sehr wohl auch dem mitteleuropäischen Geschmack
annähern, allerdings mit ihren asiatischen Wurzeln.
Ritter: Noch einmal zum Thema Fotografie und kommerzielle Fotografie. Gehört es eigentlich auch zur Konzeption, dass man sich von diesen Sparten nicht zu sehr abgrenzt?
Neuwirth: Die Frage ist mir nicht ganz klar.
Ritter: Z.B. die kommerzielle Fotografie oder auch Design. Es gibt hier auch Schmuckausstellungen?
Neuwirth: Ja, aber an für sich sind das Punkte, die wir zwar zeigen, die aber nicht unbedingt zu unserer Zielsetzung gehören. Es gibt natürlich einige Künstler oder Künstlerinnen, die nicht nur bildende Kunst sondern auch angewandte Kunst machen und auch aus ihrer Erfahrung heraus ihren Modeschmuck leichter verkaufen als ein großformatiges Bild und damit versucht man dann, seine Spesendeckung zu erwirtschaften. Das ist aber nicht unbedingt unsere Zielsetzung, - wir tolerieren es – sagen wir mal so.
Ritter: Die Künstler, die hier selber ausstellen, wie kann man deren Etablierungsgrad charakterisieren? Sind sie auch auf anderen internationalen, großen Messen, in London oder den USA z.B. vertreten? Oder sind es eher junge Künstler, die ihr Sprungbrett suchen? Wie würden Sie sich da positionieren?
Neuwirth: Als Sprungbrett für Künstlerinnen und Künstler -
auf den internationalen Messen hat ja der Künstler selbst keine Chance
auszustellen, dafür braucht er eine Galerie. Wenn er in einer Galerie
vertreten ist, wird er kaum hier auf der Kunstmesse ausstellen, es sei
denn, er kommt mit seiner Galerie praktisch als Aussteller her. Wir
argumentieren auch, dass die Künstler einmal über den Tellerrand
hinausschauen müssen und nicht nur in ihrem unmittelbaren Umkreis in einer
Bank oder ähnlich die Möglichkeit einer Ausstellung nutzen. Sie müssen
sich einer breiten Öffentlichkeit stellen und die Diskussion mit dem
Publikum annehmen. Sie haben damit auch die Möglichkeit, nicht nur
Privatkäufer zu finden. Wir wissen ja, dass auch Galeristen als Besucher
kommen und den einen oder anderen Künstler dann entsprechend aufnehmen und
vertreten. Damit wäre dann der nächste Schritt getan.
Ritter: Ja, das wäre dann auch meine nächste Frage. Die Kunstmesse ist ja eigentlich eine Verkaufsmesse. Man kann im Prinzip die Bilder einfach mitnehmen. Aber ist es der Verkauf, der die Messe für die Künstler wirklich wichtig macht oder ist es das Publikum, die Resonanz, oder die Galeristen, die Möglichkeit, sich einem Fachpublikum vorzustellen?
Neuwirth: Alle die Argumente, die Sie jetzt aufgelistet haben, treffen zu. Nicht zu unterschätzen ist aber auch der Kontakt der Künstler untereinander, dass sich hier Freundschaften bilden, dass sich neue Künstlergruppen bilden, Künstler aus Salzburg und Künstler aus Hamburg z.B. sich gegenseitig Ausstellungsmöglichkeiten vermitteln, und so beginnt dann eigentlich auch wieder die 'Globalisierung'.
Ritter: Können Sie ungefähr sagen, wie hoch die Besucherzahlen in diesem Jahr waren?
Neuwirth: Im vorigen Jahr hatten wir 8007 gezählte Besucher,
wenn der Trend in diesem Jahr anhält, wird es etwas mehr.
Ritter: Und wie viele Künstler sind ungefähr vertreten?
Neuwirth: Wir haben 110 Aussteller, d.h. Stände, wo sich 371 Künstlerinnen und Künstler aus 18 Nationen präsentieren, auf insgesamt rund 6.000 m² Standfläche in vier Hallen.
Ritter: Noch eine abschließende Frage: Bildende Kunst ist immer sehr heterogen. Wie ist die Publikumsreaktion darauf. Haben Sie ein paar repräsentative Stimmen, die zeigen, wie das Publikum auf die Kunst reagiert?
Neuwirth: Das Publikum reagiert natürlich sehr unterschiedlich. Es sind ja nicht alle Fachleute, die Kunst qualitativ bewerten und nicht eher subjektiv entscheiden. Die einen finden einen Stand schauderlich, der andere ist total begeistert.
Ritter: Also auch da - überwiegt die Vielfalt.
Neuwirth: Auch da die Vielfalt.
Ritter: Gut, vielen Dank für das Gespräch, Herr Neuwirth