München, dreifach.
Eine Radikalinstallation auf dem Flohmarktgelände München-Riem gab uns Gelegenheit, auch den journalistisch-kunstkritischen Blick auf die Münchner Szene wieder aufzuwecken. Wir sahen: Installationen, nicht heterogen, aber *divers*.

Die Jahresausstellung im Münchner Haus der Kunst löst sich mit dem Prinzip von den konkret - konstruktivistisch und expressiven Bildwerken der älteren Generation. Viele der ausgestellten Arbeiten, auch die näher zu betrachtende von Esther Glück, "Lenina", adaptieren in Größe und Aufwand den High Stream der Gegenwartskunst und werfen, quasi einen Schritt neben ihren nahezu immanenten ästhetischen Qualitäten, die Frage nach der biografisch-habituellen Dimension der Kunst auf. Zwei Werke fallen besonders ins Auge aufgrund ihrer erschütternden Kommunizierbarkeit:
Werk 1 ist ein Video, das schöne Natur vor Augen führt, namentlich eine romantisch-steinerne Flussszenerie ohne Touristen, Grünflächen oder andere Abweichungen von der intimen Stille des Erhabenen. Auf das bewegte Wasser - wir denken könnerisch an Heraklit und die formalontologischen Fragen der Identität in der Zeit - sind Schriftzüge montiert, die allgemein anklagende Gedanken transportieren. Die Mitverantwortung des sozialen Umfelds, der "anderen", für Missklänge im eigenen Leben. Der Stolz auf die Distanz zu ihnen. Was man aben so denkt, wenn man als KünstlerIn anders und weniger durch Konventionen gerechtfertigt lebt als konventionellere Menschen. Sinn und Zweck dieser ästhetisch ausformulierten Kontemplation wird also in dieser selber mehr als überdeutlich. Zwar präsentiert als "innere Rede", "Fluss der Gedanken", ist der Text doch auch öffentliche Selbstrechtfertigung, u.a., "Nichts, das nicht schon bekannt wäre, aber....". Quasi auf das bayerische Umfeld abgestellt, eine öffentliche Replik eines Künstlers, warum er nicht verrückt ist. Sondern auch rational, nur eben anders motiviert. Also ganz normal.
Kunstwerk Nummer 2, "Lenina" von Esther Glück, stellt keinerlei Beziehung zum artistischen Ego her. Es zeigt nur eine weibliche Büste einer standardisierten Frauenfigur, einen unauffälligen Frauenkopf, und eine Filmprojektion gegenüber direkt auf das Gesicht der Figur.
Auch diese Installation ist verbunden mit dem akustischem Vortrag einer problematisierenden Selbsterklärung. Mitunter lacht und lächelt der Frauenkopf, dann verharrt die Mimik in statischer Starre und lenkt das Augenmerk auf ihre lichtfadene, scheinige Beschaffenheit. Die gesamte Mimik und Form der Gesichtszüge ist auf den Kopf projiziert, 'inhäriert' nicht, d.h., die Anordnung soll offensichtlich veranschaulichen, dass der äußere Anschein von natürlichem Ausdruck hochgradig projiziert sein kann, ohne jede innere Beziehung zur Figur, die sich diesen Anschein gibt. Zugleich ist der weibliche Kopf als Projektionsfläche quasi unschuldig in diesem Geschehen, die Installation nicht anklagend. Die BetrachterInnen sind nun eingeladen, nach Gegebenheiten im Alltagsgeschehen zu suchen - nach Max Headroom, Pygmalions Galatea, R2D2, den Frauen von Sherwood und Sims2 - auf die diese Installation der projizierten Ausdruckswelt sinnvoll übertragbar ist. So, die Familienszene natürlich, die schwierige Beziehung zum männlichen intellektuellen Partner, dessen Femininitätserwartungen es schon widerspräche, wenn gerade z.B. im Streitgespräch, diese Projektion von Mimik und - eben sogar auch - sämtlichen Äußerungen - nicht der Fall wäre oder misslänge. Das Sein als Projektionsfläche - Wunsch, Zwang, Getue, rein medial - wir wissen es nicht. Zurück zum Anfangsgedanken, ist die Installation, die diese Frage aufwirft, aber leichtes Brot für jeden semi- oder postfeministischen Frauenabend, selbst auf Treffen des katholischen Frauenbundes ließe sich voller Verständnis darüber kommunizieren. Gemeint ist das Werk, so legt dessen Titel zumindest nahe, wohl mehr als posthume Kommunismuskritik?
Nicht schwieriger, aber größer und höher im Anlass und noch sentimentaler, sind die Werke von Thomas Schütte, die das Haus der Kunst noch bis Anfang September zeigt.

Thomas Schütte
Mann im Matsch, 2009
Styrofoam, plaster, wood
580 x 800 x 800 cm
Photo: Florian Holzherr
© Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2009
Auch hier mit dem "Mann im Matsch" im Mittelpunkt die in Süddeutschland renitent beliebte menschliche Figur, quasi die Oder-Neiße der nonfigurativen, nicht darstellenden, konzeptionellen Gegenwart mit einem Ufer in der Tradition der klassischen, figurativen Malerei. Schüttes menschenähnliche Figuren: überdimensional und überdimensioniert, zu fett, zu unförmig, zu komikartig verzerrt um Emotionen auszulösen, quasi mehr das Zerfranstsein in symbolische Diskurse aufzeigend. Daneben mit den "Deprinotes" eine Reihe von Aquarellen, deren leichte Linienführung und lichte Flächigkeit an den Düsseldorfer Meister Joseph Beuys erinnert und echte, wenn auch wieder traditionell immanent ästhetische Sensibilität zeigt. Das Sprungbrett Düsseldorf, für die süddeutsche Auswahl aus irgendwelchen Gründen - wohl in Abgrenzung zum wilderen Berlin - hervorragend geeignet, erscheint in Schüttes Ausstellung im Haus der Kunst also in konservativer Absicherung, als Tradition in den sehr klassischen Disziplinen der Zeichnung und des Aquarells. Gegen diese sehr schönen, allgefallenden Werke sagen wir aber nichts :)
Eher schon ermüdend sind da die Wassermelonen, die Schütte im Haus der Kunst weiträumig verteilt, in unterschiedlichsten Variationen, als Aquarell, als Skulptur, als Entwurfszeichnung etc. Ja, nein, nun, langweilig.

Thomas Schütte
Melone 1:5, 1986
Wood, paint, 11 parts
Photo: Florian Holzherr
© Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2009
Im Pressetext liest man die passende Aufforderung zum habituellen Schulterschluss: Lust am Bild und am süßen Genuss soll das sein, das hübsche und leckere Obst als Absage an die Konzeptkunst, die dann also schnöde, spröde und unappetitlich ist? Wusste ich gar nicht. Denken ist doch eigentlich auch ganz geil, dachte ich immer :) Aber in Bayern zieht man reines Essen und orale Wollust dem Groove der Grauen Zellen offenbar mit Entschiedenheit vor, kann sich Spaß am Denken gar nicht vorstellen? Na ja, das schreiben die Kuratorinnen und Fans von Schütte, Mädels, mit zuviel Affinität zu dem eher halbernst-schwulen Beharren auf Dingen, die 'wirklich' und 'doch einfach' schön und süß sind. Hei, hei, hei.....Systemisch flachgelegt sind auch die skulpturalen Frauenakte von Schütte, deren Anklänge an unkritisch lustverklärende Züge bei Gauguin, Rodin und Renoir in den Museumsinformationen vom Traditionalismusvorwurf freigesprochen werden. Auffällig ist tatsächlich vor allem, dass ein präferiertes Frauenbild, breite Köpfe mit medusisch-präraffaelitisch klein gewelltem, dicht-buschigem, ziemlich langem oder wellig verdecktem, wollig gezurrtem Frauenhaar, einheitlich bevorzugt wird. Diese Darstellungen könnten also schon eher in Verdacht stehen, bei ernsthaften Verstehensansinnen eine mehr referenzielle Lesart zu fordern, die die Art, wie sich das individuelle Wunschmodell des Künstlers durchsetzt, mit historischen Fällen wie parallelisiert und in Frage stelt.

Thomas Schütte
Stahlfrau Nr. 17, 2006
Steel
202 x 125 x 250 cm
Photo: © Nic Tenwiggenhorn / VG Bild-Kunst, Bonn 2009
© Thomas Schütte / VG Bild-Kunst, Bonn 2009
Wenn der Künstler sein Lieblingsobst beschwören, Entfremdung und Emotionsverlust bejammern darf, dann doch auch seine Liebste, oder zumindest die Imaginäre? Aber nein, denn sie und ihre Perönlichkeitsrechte wäre vorhanden, behelligte die Kunst und stellte deren Neutralität und Überregionalität in Frage, die Werke wären plötzlich nicht mehr 'über den Dingen' und quasi 'jenseits', sondern wie gemeinsam geschaffen, eine intime Äußerung mitten auf den Markt hinausgeschrien.
Zugleich, als Objekt, kann der Künstler, hierzu befragt, Beliebiges Äußern - "Die Figur an sich ist ja völlig uninteressant, sieht auch gar nicht gut aus, ist nur ein Standardgesicht, das von sich ablenken soll....) usw. Das Vorbild, wie vage auch immer, also in jedem Fall herumschubsbares, immer neuen Be- und Entwertungen ausgesetztes Objekt.
Der, die das Andere anders: Lutz Bacher im Münchner Kunstverein
Dies subversierend, unterwandernd, Lutz Bacher. Der naive Betrachter sieht in den Installationen von "Do you love me?" im Münchner Kunstverein erst einmal jugendliche Männerfantasien. Der nackte Mann, schlafend, träumend, als Zentrum von videoprojizierten Gebilden, Diskursvarianten, die Frau als Modell, umgeben von (anderen) Puppen in Zimmerecken, gebraucht oder ungebraucht, kopfwackelnd, Willenloses.
Dann der Schock - der Künstler behauptet Künstlerin zu sein, "Lutz Bacher" also ein Frauenname, Ah ha, - und hält sich persönlich aus der Öffentlichkeit fern, ah ja. Die Kunst, häufig als sensible Analyse bezeichnet- Analyse 'gesellschaftlicher' Züge am Beispiel des Individuellen oder zumindest tief getränkt von privaten Emotionen, dem - nach Adorno - Allgemeinen - muss sich bei allem Gelingen mühsam durch Entzug des individuellen Personenbezugs inszenieren. Eine der seltsamsten Mechanismen im Kunstmarkt ist die verklärende oder desillusionierende Wirkung der Person des Künstlers oder der Künstlerin auf das Werk. Lutz Bacher portraitiert seit den siebziger Jahren kotinuierlich Personen aus ihrem medialen und real-sozialen Umfeld : mal Jackie Kennedy, mal Pat Hearn, ihre New Yorker Galeristin. Beide sind in Bachers Nachinszenierungen Bedeutungsgeber, aber andererseits auch in Extremformen Objekte des Blickes: Jackie Kennedy wird in nicht freigegebenen, stalkerhaften Aufnahmen eines Paparazzi-Fotografen gezeigt - sie läuft vor der Kamera davon, diese richtet sich auf ihren Po, ihre enge Hose lässt sie annähernd nackt erscheinen.
Die Galeristin ist präsentiert wie vor einer Web- oder Überwachungskamera, deren Blick sie ignoriert oder wirklich nicht realisiert. Man denkt an die Internet-Narrationen von www.bree.com. Das Heimliche, Bestehlende des Blicks hat etwas offensiv Männliches, d.h. man ordnet es dieser "Rolle" wie selbstverständlich zu. Auch die Ausstellung im Münchner Kunstverein, mit einer Exposition einer männlichen Aktfigur, etwas puppenhaft, im verträumten Schlaf, legt nahe, die Gesamtinstallation als männlichen Lusttraum - man erinnere Arno Schmidts oder gleich Shakespeares "Zettel" - oder umgekehrt als verträumte Männerfantasie aufzufassen. "Lutz" also mehr als eine irritierende Adaption, eine echte Übernahme, oder auch eine echte Perspektive, bei welchem Rollenselbstverständnis und welchem adaptierten Geschlecht auch immer? Ich überlege, wie es wäre, wenn "Lutz Bacher" sich als voluminöser, aus der Form geratener Transvestit oder Transsexueller zeigte, in einem der Berliner Schwulencafés oder in einem echten Omacafé, und mir als fragender Journalistin, mit dem lächerlichen Ansinnen der verständnisvoll-distanzierten Berichterstattung oder 'Kunstkritik', seine Fotos von "Jackie und ich" hinüberschiebt, sichtlich stolz darauf, Zugang zu diesen unveröffentlichten, nicht freigegebenen Bildern zu haben, mit der Bemerkung, ich solle mal sehen, Jackie würde da "wie nackig" aussehen oder sich ähnlich im Jargon der Toilettenfrauen ausdrückend, die Bilder in volksnaher Weise kommentierte, wie de Paparazzi selbst. Würde ich mitleidig-genervt lächeln und zustimmen? Könnte ich Lutz Bacher noch heroisieren und überinterprtieren, wie es die High Stream Art selbstverständlich erwartet? Wäre ich bereit, einem männlichen "Lutz" echte theoretisierend-konzeptualisierende Distanz zu seinem Werk zuzugestehen? Der weiblichen "Lutz" traue ich Konzeptualismus zu. Aber woher dann das 'Wissen', das der Fantasiebehauptung zugrunde zu liegen scheint, den Fantasien, als die sich die umgebenden Installationen um den Männerakt in der Ausstellung des Münchner Kunstvereins darstellen? Einfache, ungekochte Adaptionen von schematisierten Männerfantasien im Stile des Playboys sind es eben nicht. Eher noch schlichter und doch auch komplizierter, eine Zusammenstellung von Werken, Bestandteilen des irgendwie auch radikal subjektiven Werkes, dem man, ähnlich wie bei Thomas Schütte, individuelle Ausdruckskraft zutraut, zugesteht, erlaubt. Eine konzeptionelle Finte? Es führt auf jeden Fall kein zwingender Weg auf ein fühlendes, geschlechtsidentisches Subjekt zurück. Ausdrucksäquivalenz - wenn uns die Weiblichkeitsbehauptung erstaunt - erwarten wir so etwas? Und projizieren zugleich rollenspezifische Gefühlsrealität?
Dr. Ulrike Ritter
Ausstellung * Thomas Schütte * im Haus der Kunst München noch bis zum 06. September
Ausstellung * Lutz Bacher "Do you love me?" * im Münchner Kunstverein noch bis zum 13. September 2009