Große Projekte und kleine Skulpturen – sommerliche Zerstreuungen in der Neuen Galerie im Höhmannhaus mit Werken von Peter Sauerer, Trude Friedrich und Empfangshalle Zum Kurzinterview
Wenn
im Sommer die Sonn unfromm und fromm aus dem Häuschen treibt,
will wohl kein Kurator die Bürgerlein wieder hineintreiben in
ein unlichtes Häuschen, sei auch noch so schöne Kunst
darin. Aber wie das Leben es so will, kann man Kunstwerke,
insbesondere skulpturale Objekte oder selbst die Dokumentationen von
Werken, die der Freiluftkultur frönen, nicht einfach so auf die
Straße stellen, bis es halt regnet und alles zerstört ist.
Drum handelt weise, wer als KuratorIn alles mit dem Auge des Custoden
hütet und selbst in den Sommermonaten Kunst in Gewölben und
Gehäusen unterbringt. Um der Freiluftstimmung des Sommers
gerecht zu werden, bieten sich dem Findigen dann andere Strategien
an: Projekt-“Skulpturen“ - Werke, die als Kunst am Bau
firmieren und den gesamten Alltag von Menschen einbeziehen –
oder referentielle Objekte, die auf Alltagskulturen im öffentlichen
Raum anspielen.
In zwei Ausstellungen der Neuen Galerie im Höhmannhaus hat der findige Kustode und Leiter Dr. Thomas Elsen diese Strategie angewandt, um den Sommergästen der Maximilianstraße angemessene Unterhaltung und geistige Anregung zu bieten. Nach einer kleinen Bestandsausstellung namens „KunstRaumStadtRaum“, die Projekte im öffentlichen Raum der New Yorker Künstler Clegg & Guttmann und des Münchner Künstlerduos Empfangshalle dokumentierte, sind nun noch bis zum 28. September unter dem Namen „Lichtung“ referentielle Kleinskulpturen der KünstlerInnen Trude Friedrich und Peter Sauerer zu sehen.
Verdeckte Verhöhnungen und leise-beißende Ironie schaffen in den sonnigen Räumen der Galerie eine irritierende Atmosphäre, bei der tatsächlich mancher Gast noch mit seinem Unverständnis hausieren geht: „Sagen Sie mal, meinen Sie, dass das Kunst ist?“, „Ja, na ja, würde ich schon sagen“, „Das ist keine Kunst ! Noa!“ - um dann noch kopfschüttelnd den Ausstellungsort zu verlassen. Dabei wurde alles durch Vorabberichterstattungen, literarische Referenzen, Prominenz und einen verständig-vermittelnden Einführungsvortrag eingebettet in ein weiches Netz aus kultureller Harmonie und sommerlichem Einklang. Und schließlich bieten die Ausstellungsobjekte sogar noch quasi kulinarische Aspekte: Im Verborgenen darf man sexuellen Abenteuern zuschauen, offen politische Pikanterien bewundern und ist bei Allem umgeben von gefälligen, hübschen, kleinen Objekten, die sich wie Mobiliar an Raum und Wand schmiegen, sodass es ein Hirschgeweih in Wildbad Kreuth nicht besser könnte. Die Gründe der stillen Empörung über Sauerers kleine, naturalistische Paradeobjekte, „Puppenstuben“ oder „Paradewagen“ wie aus einer polit-kritischen Sims3-Software für Erwachsene, und über Friedrichs unscheinbare Abwandlungen bayerischen Wandschmucks, ist gerade das Aufscheinen dieser Herkunft in den Miniaturen.
Friedrichs radikale Verniedlichung trägt nahezu feministische Züge. Die Künstlerin stellt seit mehreren Jahren immer mal wieder mit Sauerer aus und erfreut sich in München und Umgebung relativer Beliebtheit, wobei sich offenbar insbesondere die „abgesichert femininen“ Arbeiten durchsetzen, z.B. „Blütenlese“für den Münchner Kindergarten in der Burgauerstraße 13 von 2005 (http://www.quivid.com/new/seiten/kuenstler.php?id=104) oder eine Gemeinschaftsarbeit mit Sauerer für einen Kindergarten 2003, schließlich auch noch angewandte Kunst 1993, als die Künstlerin den Dannerwettbewerb München gewann. Kurator Elsen übt sich so in der KünstlerInnenwahl geschickt selbst mit dem Auslegen von Honigspuren, denn ab dem 17. Oktober ist parallel zu einer neuen Bestandspräsentation im H2 – Zentrum für Gegenwartskultur die Ausstellung des Danner-Designpreises mit Werken der Preisträgerin Katja Maechtel und anderer ausgewählter DesignerInnen. Wie schon im russisch-zaristisch gestimmten Frühjahr mit Zarensilber und Russkie, zeigt sich die Quadriga aus Maximilianmuseum, Schaezlerpalais, Neuer Galerie und H2 so einstimmig wie ein glückliches Ehepaar, denn auch im Schaezlerpalais darf man gerade noch bis zum 26. Oktober 2008 eine Verbindung von Kunst und Design bewundern, zum Teil sehr pittoreske Werke der Hinterglasmalerei aus der Sammlung der Augsburger Familie Steiner.
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Hinterglas &
Kupferstich Schaezlerpalais, Maximilianstraße 46 8. August bis 26. Oktober
2008
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15. August bis 28. September 2008 |
Während Malerei sich in diesem Medium einer als schwierig geltenden Umkehrungstechnik fügen muss, ohne dadurch eine besondere Aufwertung zu erfahren und so mitunter in reine Zurschaustellung von Virtuosität abrutscht (obwohl eben, könnte man einwenden, die barocken und spätbarocken Maler ja auch in unterschiedlichen Tönen vorgrundierten, je nachdem, wo später helle und wo dunkle Flächen zu erwarten waren – das Bild also vom fertigen Gemälde ausgehend 'denken' mussten), schert sich Trude Friedrich offen nicht um den Unterschied und das aggressiv-barocke Geschnörkel des natürlichen Originalgeweihs. Ihre ans Horn reminiszierenden, in einfachen, freundlichen Farben gehaltenen gewundenen Gebilde drapieren sich „olympisch“ auf die Podeste und Böden, an die Pfeiler und Wände der Neuen Galerie. Gefällig, sinnlos, süß, sehr klein, irgendwie im Weg, irgendwie Aufmerksamkeit erzeugend, dann auch irgendwie rasend komisch, witzig, irgendwie anspielungsreich eben.
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Derjenige, der ging, kannte das, wollte es aber anders.

So könnte es auch anderen Alten Herren gehen, die in die Ausstellung kommen und sie schnell wieder verlassen. In den kleinen braunen Schachteln, die Sauerer an die Wände der Neuen Galerie geheftet hat, finden sich Objekte, wie man sie aus den Werkstätten kindlicher Familienväter kennt: Schnitzarbeiten, Dekorationsstücke, nahezu – wenn auch dafür etwas zu groß - „Nippes“- wegen der Größe, eigentlich Spielzeug für den jüngsten männlichen Nachkommen der Familie: Holzautos, Holzhäuser, Holz-Guckkästen für erste berichtenswerte sexuelle Erfahrungen. Aber in diesem Fall eben nicht. Kalt setzt Sauerer eine dicke Lilli auf einen dünneren Mann – mit Hitlerbärtchen ? - in Erinnerungsuniform, der vielleicht im Nachleben der besonderen Art Gewicht und Widerstand des Geschlechtsunterschieds neu erfahren will. Oder handelt es sich um die Nachbildung einer authentischen Szene der Zeit? Den punktuellen, quasi zimmerweisen Nachbau eines bis 1945 existierenden Augsburger Bordells? Nähere Hintergrundinformationen geben die *braunen Schachteln* dazu nicht, nur der Kontext von Häusern und Figuren, die an Brecht und weniger Ruhmbeflecktes der Stadt erinnern, legen es nahe. Und sind die Uniformen – jenseits der Farbmetaphorik der Verpackung – überhaupt typisch „braun“ ? Wenn nicht, die Thematik vielleicht viel zeitgenössischer ? Sollte man einen neuen Blick auf benachbarte Kasernen werfen? Die Paradewagen zumindest sind liebevoll nachbildend mit realer Politprominenz des letzten Jahrzehnts gefüllt, Saddam Hussein natürlich, und überall immer wieder dicke Damen mit gespreizten Beinen. In den hübschen Katalogen der Kölner Galerie Thomas Rehbein, von der Sauerer seit Jahren vertreten wird, werden die Kleinskulpturen auf eine etwas unangenehme, wenn auch verkaufsfördernde Art dann doch irgendwie zu Edelnippes, Kunstobjekte eben, die politisch dahertrapsen, konsensfähig und handwerklich anspruchsvoll sind – so zumindest die Paradewagen. Die Häuser und Schachteln sind schon eher für den gehobenen Sammler, da eben, wie ein streng verheirateter Transvestit es mit einer Holzkommode nicht besser erreichen könnte, das Objekt äußerlich komplett unscheinbar daherkommt und auffälligen Voyeurismus erfordert, um einsichtig zu werden... Nun – wer somit Lust verspürt, die zerstreute Brillianz von Trude Friedrichs und Peter Sauerers Kleinskulpturen selbst zu erfahren, besucht halt bis zum 28. September 2008 die Neue Galerie im Höhmannhaus, Maximilianstraße 48, 86150 Augsburg und vergisst auch die anderen laufenden Projekte und die neuen Eröffnungen der Quadriga nicht:
Wahrnehmungen. Der Maler Hennes Ruißing. Maximilianmuseum, 09. September – 26. Oktober 2008. Maximilianmuseum, Philippine-Welser-Str. 24, 86150 Augsburg
Danner-Preis 2008. 17. Oktober bis 06. Januar 2008. H2 – Zentrum für Gegenwartskunst, Beim Glaspalast 1, 86153 Augsburg. Tel. 0821 324-4162
Laufend:
Lichtung. Peter Sauerer und Trude Friedrich. Neue Galerie im Höhmannhaus, Maximilianstraße 48, 86150 Augsburg, 15. August bis 28. September 2008
Webseite von Peter Sauerer:
http://www.petersauerer.de
Hinterglas & Kupferstich
Hinterglasgemälde aus drei Jahrhunderten und ihre Vorlagen
08. August bis 26. Oktober 2008
Schaezlerpalais
Maximilianstraße
86150 Augsburg
Vergangen und erwähnt: KunstRaumStadtRaum
Neue Galerie im Höhmannhaus
03. Juli – 10. August 2008
Maximilianstraße 48
86150 Augsburg
Bericht und Fotos: Dr. Ulrike Ritter
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Kurzinterview mit dem Künstlerduo Empfangshalle im Rahmen der Ausstellung „KunstRaumStadtRaum“
Das Künstlerduo „Empfangshalle“ aus München war im Rahmen der Ausstellung KunstRaumStadtRaum in der Neuen Galerie im Höhmannhaus mit dem Projekt „Brot und Butter“ vertreten, das im Wesentlichen daraus bestand, dass die Museumsaufsichten unter den Augen der Merkurfigur des gleichnamigen Brunnens in Augsburg in der Neuen Galerie mit dem Publikum „Brot und Butter“ aßen. Im Rahmen der Ausstellung wurde aber auch der Film „Woher Kollege, wohin Kollege“ über das gleichnamige Projekt des Duos vorgeführt. „Woher Kollege, wohin Kollege“ wurde im Dezember 2001 vom Münchner Baureferat als Projekt, das sich in überzeugender Weise von klassischen Weisen des Kunst am Baus entfernt, zum Gewinner einer Ausschreibung ernannt:
„Im Dezember wurde das Projekt WOHER KOLLEGE - WOHIN KOLLEGE des Münchner Künstlerduos EMPFANGSHALLE im wahrsten Sinne des Wortes "auf den Weg geschickt". Die Arbeit der beiden Künstler Corbinian Böhm und Michael Gruber gewann den Wettbewerb für den neuen Betriebshof Ost des Amtes für Abfallwirtschaft. Wie auch schon die der Arbeit LIFT ARCHIV von Szuper Gallery bewegt sich WOHER KOLLEGE - WOHIN KOLLEGE weg von den typischen Kunst-am-Bau Arbeiten.
EMPFANGSHALLE beschäftigt sich mit den Verhältnis von Individuum und Gruppe und der medialen Funktion von Kunst. Die Arbeit WOHER KOLLEGE – HALLE WOHIN KOLLEGE involviert die Fahrer und Lader der Müllautos und gibt den anonymen Mitarbeitern ein Gesicht. EMPFANGSHALLE fragte die Müllmänner, die aus über 30 verschiedenen Ländern stammen, nach ihrer Definition von Heimat: „Wo kommst Du her ? Und wenn Du an daheim denkst, wohin fährst Du dann ?“ Die sehr vielfältigen Antworten konkretisierten sich als Route auf einer Landkarte, die sich vom Allgäu bis nach Nordafrika erstreckt und die von einem zum "Wohnmobil" umgebauten Müllauto abgefahren wird. Die Müllmännern fotografieren dort, was für sie Heimat symbolisiert. Zurück in München präsentiert jeder, der mitgemacht hat, sein Heimatfoto auf einem wetterfesten Plakat an den Seiten „seines“ Müllautos. Die dynamische Struktur der ausschwärmenden Fahrzeuge nutzend entsteht eine mobile Ausstellung, die Privatheit und Öffentlichkeit verknüpft.“
Der Film dokumentiert diese Fahrten und legt somit notwendigerweise einen Schwerpunkt auf den „Aufenthalt“ im Müllwagen – wobei jedoch weder der Umbau noch der tatsächliche Bezug zum „Leihwagen“ thematisiert werden. Dies wiederum bildet, soweit die gewählten Szenen diese Aussagen zulassen, die Aufmerksamkeitstruktur der Müllarbeiter ab, die von ihrer Familie und den Regionen erzählen, die sie mit dem Wagen besuchen oder die ihren Münchner Alltag bestimmen. Der Wagen spielt dabei eigentlich keine Rolle, andererseits liegen wichtige Effekte des Films im Auftreten der Arbeiter mit dem Müllwagen – quasi wie dessen Besitzer – und der Wert des Projektes ist ja mehr oder weniger ausgesprochen auch die Möglichkeit, ohne eigenen Wagen und Aufwand in die eigene „Heimat“ reisen zu können, gesponsort von einem Kunstprojekt, dieses wiederum von der Stadt München. Damit bestätigte sich für die Gefilmten nach Aussage von Empfangshalle aber nur der positive Eindruck, den sie insgesamt von ihrem Arbeitgeber und ihren Arbeitsbedingungen hatten. Durch die zusätzliche Forderung – die in der zitierten Kurzlaudation nicht einmal erwähnt wird – dass sich die Arbeiter zum Schluss mit dem Wagen fotografieren lassen – dieses Bild wurde dann wiederum auf den tatsächlich betriebenen Müllfahrzeugen einige Wochen präsentiert – dominierten schließlich zumindest für die Augen der Autorin der Eindruck von Besitz, nahezu Privatbesitz, und damit auch von Begriffsanalysen (* Heimat*) und Glücksversprechen, die sich an den Besitz von Objekten heften – im Gegensatz zu den individuellen Begründungen der beteiligten Müllarbeiter, die der Film dokumentiert. Insofern die wenigen Aspekte der Einflussnahme durch „Empfangshalle“ also gerade eine Perspektive der Müllarbeiter auf ihre Auffassungen aufzeigen oder nahezu erzwingen, deren Realität nicht unbedingt nachvollziehbar ist, verfolgte das Projekt neben einer Erweiterung des Begriffs von „Kunst am Bau“ auch Absichten und Strategien, wie man sie aus der Werbung kennt. Das Duo „Empfangshalle“ - zu Englisch „Lobby“ - hatte gegen diese Beurteilung als quasi für den Arbeitgeber werbend, lobbyistisch, keinen direkten Einwand. Im Nachhinein kann man vielleicht sagen, dass gerade durch die Konzentration auf den Arbeitsplatz durch die optische Fixierung auf das Müllauto immerhin Urteilen aus dem Weg gegangen wurde wie, dass die ausländischen Arbeiter der Müllabfuhr sowieso nur an ihre ursprüngliche Heimat und ihren Herkunftsort denken, nicht wirklich emotional integriert und 'nur wegen des Geldes' in Deutschland sind.
"das müllauto ist das sinnbild für die arbeit der müllmänner, das täglich sichtbar ist in der stadt. das projekt eröffnet einen zugang zu den persönlichen geschichten einzelner müllwerker durch die heimatbilder auf den lkws. somit ensteht kommunikation über ein emotionales thema mit den sich sonst anonym bleibenden bürgen und den dienstleistern " müllmann". die kunst ist für uns diese implizierte persönliche kommunikation auf der strasse, losgelöst aus dem beruflichen alltag." empfangshalle
WOHER KOLLEGE WOHIN KOLLEGE - EIN GEFÜHL VON HEIMAT
Gleichnamiger Dokumentarfilm zum Kunstprojekt, 2004
Ein Film von Thomas Adebahr und Andrea Zimmermann mit Empfangshalle
Mit der Kamera wurden drei Müllmänner auf ihren Reisen in die Heimat begleitet, nach München-Neuperlach, nach Accay in der Türkei und in ein kleines Dorf in Ghana. Dabei entstand ein 80 minütiger Dokumentarfilm der für den Civis-Preis 2004 nominiert wurde.
Kurzinterview mit dem Künstlerduo Empfangshalle im Rahmen der Ausstellung „KunstRaumStadtRaum“ in der Neuen Galerie im Höhmannhaus
Das Künstlerduo „Empfangshalle“ aus München war im Rahmen der Ausstellung KunstRaumStadtRaum in der Neuen Galerie im Höhmannhaus mit dem Projekt „Brot und Butter“ vertreten, das im Wesentlichen daraus bestand, dass die Museumsaufsichten unter den Augen der Merkurfigur des gleichnamigen Brunnens in Augsburg in der Neuen Galerie mit dem Publikum „Brot und Butter“ aßen. Im Rahmen der Ausstellung wurde aber auch der Film „Woher Kollege, wohin Kollege“ über das gleichnamige Projekt des Duos vorgeführt. „Woher Kollege, wohin Kollege“ wurde im Dezember 2001 vom Münchner Baureferat (Quivid) als Projekt, das sich in überzeugender Weise von klassischen Weisen des Kunst am Baus entfernt, zum Gewinner einer Ausschreibung ernannt:
„Im Dezember wurde das Projekt WOHER KOLLEGE - WOHIN KOLLEGE des Münchner Künstlerduos EMPFANGSHALLE im wahrsten Sinne des Wortes "auf den Weg geschickt". Die Arbeit der beiden Künstler Corbinian Böhm und Michael Gruber gewann den Wettbewerb für den neuen Betriebshof Ost des Amtes für Abfallwirtschaft. Wie auch schon die der Arbeit LIFT ARCHIV von Szuper Gallery bewegt sich WOHER KOLLEGE - WOHIN KOLLEGE weg von den typischen Kunst-am-Bau Arbeiten.
EMPFANGSHALLE beschäftigt sich mit den Verhältnis von Individuum und Gruppe und der medialen Funktion von Kunst. Die Arbeit WOHER KOLLEGE – WOHIN KOLLEGE involviert die Fahrer und Lader der Müllautos und gibt den anonymen Mitarbeitern ein Gesicht. EMPFANGSHALLE fragte die Müllmänner, die aus über 30 verschiedenen Ländern stammen, nach ihrer Definition von Heimat: „Wo kommst Du her ? Und wenn Du an daheim denkst, wohin fährst Du dann ?“ Die sehr vielfältigen Antworten konkretisierten sich als Route auf einer Landkarte, die sich vom Allgäu bis nach Nordafrika erstreckt und die von einem zum "Wohnmobil" umgebauten Müllauto abgefahren wird. Die Müllmännern fotografieren dort, was für sie Heimat symbolisiert. Zurück in München präsentiert jeder, der mitgemacht hat, sein Heimatfoto auf einem wetterfesten Plakat an den Seiten „seines“ Müllautos. Die dynamische Struktur der ausschwärmenden Fahrzeuge nutzend entsteht eine mobile Ausstellung, die Privatheit und Öffentlichkeit verknüpft.“
Der Film dokumentiert diese Fahrten und legt somit notwendigerweise einen Schwerpunkt auf den „Aufenthalt“ im Müllwagen – wobei jedoch weder der Umbau noch der tatsächliche Bezug zum „Leihwagen“ thematisiert werden. Dies wiederum bildet, soweit die gewählten Szenen diese Aussagen zulassen, die Aufmerksamkeitstruktur der Müllarbeiter ab, die von ihrer Familie und den Regionen erzählen, die sie mit dem Wagen besuchen oder die ihren Münchner Alltag bestimmen. Der Wagen spielt dabei eigentlich keine Rolle, andererseits liegen wichtige Effekte des Films im Auftreten der Arbeiter mit dem Müllwagen – quasi wie dessen Besitzer – und der Wert des Projektes ist ja mehr oder weniger ausgesprochen auch die Möglichkeit, ohne eigenen Wagen und Aufwand in die eigene „Heimat“ reisen zu können, gesponsort von einem Kunstprojekt, dieses wiederum von der Stadt München. Damit bestätigte sich für die Gefilmten nach Aussage von Empfangshalle aber nur der positive Eindruck, den sie insgesamt von ihrem Arbeitgeber und ihren Arbeitsbedingungen hatten. Durch die zusätzliche Forderung – die in der zitierten Kurzlaudation nicht einmal erwähnt wird – dass sich die Arbeiter zum Schluss mit dem Wagen fotografieren lassen – dieses Bild wurde dann wiederum auf den tatsächlich betriebenen Müllfahrzeugen einige Wochen präsentiert – dominierten schließlich zumindest für die Augen der Autorin der Eindruck von Besitz, nahezu Privatbesitz, und damit auch von Begriffsanalysen (* Heimat*) und Glücksversprechen, die sich an den Besitz von Objekten heften – im Gegensatz zu den individuellen Begründungen der beteiligten Müllarbeiter, die der Film dokumentiert. Insofern die wenigen Aspekte der Einflussnahme durch „Empfangshalle“ also gerade eine Perspektive der Müllarbeiter auf ihre Auffassungen aufzeigen oder nahezu erzwingen, deren Realität nicht unbedingt nachvollziehbar ist, verfolgte das Projekt neben einer Erweiterung des Begriffs von „Kunst am Bau“ auch Absichten und Strategien, wie man sie aus der Werbung kennt. Das Duo „Empfangshalle“ - zu Englisch „Lobby“ - hatte gegen diese Beurteilung als quasi für den Arbeitgeber werbend, lobbyistisch, keinen direkten Einwand. Im Nachhinein kann man vielleicht sagen, dass gerade durch die Konzentration auf den Arbeitsplatz durch die optische Fixierung auf das Müllauto immerhin Urteilen aus dem Weg gegangen wurde wie, dass die ausländischen Arbeiter der Müllabfuhr sowieso nur an ihre ursprüngliche Heimat und ihren Herkunftsort denken, nicht wirklich emotional integriert und 'nur wegen des Geldes' in Deutschland sind.
Ein Kurzinterview mit Corbinian Böhm vom Duo „Empfangshalle“ in Auszügen:
Ritter: Also, wie schon eben in der Diskussion angesprochen, das Projekt ist sehr stark angebunden an Objekte, bei „Woher Kollege, wohin Kollege“ z.B. an den Müllwagen.
Böhm: Objektanbindung – nein. Uns geht es um die Strukturen, die wir finden. Jede Stadt oder jede Situation, die man in der Gesellschaft hat, hat eine bestimmte Struktur, die wir analysieren. Interessiert hat uns das morgendliche Ausschwärmen der ca 120 Müllwagen in die Stadt, das zusammen mit der typischen Bewegung des Ab- und Aufspringens auf den Wagen eine Art Performance ergibt. Die andere Struktur war die Idee von „Heimat“, die wir bei den Müllmänner gefunden haben, - das haben wir zusammengebracht. Dadurch ist dann die Kunst entstanden.“
Ritter: Aufgefallen ist mir, dass die Arbeit keine Rolle spielte. Der Perlacher hat z.B. vom Aufbau des Perlacher Einkaufszentrums berichtet und u.a., dass er sich noch erinnern könne, wie es im unfertigen Zustand roch. Und offenbar war ihm gar nicht klar, dass diese Empfindlichkeit für Gerüche in einer seltsamen Beziehung steht zu seiner Arbeit, von der man ja vor Allem weiß, dass sie mit unangenehmen Geruch verbunden ist, stinkt. Es ging bei allen Äußerungen immer nur um Privates, nie um die Arbeit selbst, also um ihre Erfahrung als Müllfahrer.
Böhm: Das stand nicht im Vordergrund. Dazu muss man sagen, dass die Müllfahrer alle unglaublich zufrieden sind mit ihrer Arbeit. Sie haben gute Konditionen und sobald Schwierigkeiten mit Gerüchen oder Ähnlichem auftauchen, werden sie umgeschult oder ähnlich. Die sind unglaublich dankbar und auch sehr stolz auf ihren Job.
Ritter: „Ja, mir ging es auch nicht darum, dass man die Arbeit irgendwie kritisieren muss. Nur bei allen Müllfahrern im Film ist mir aufgefallen, dass es immer nur um Privates ging und eben nicht um die Arbeit. Der Müllwagen wurde schließlich durch das Bild mit „Heimat“ identifiziert, aber das ist ja so gesehen von Ihnen extrem konstruiert.
Böhm: Nein, der Wagen ist vielleicht so ein Logo für das Projekt. Und der Wagen ist natürlich wichtig für das Bild, sodass nachher ein Bild entsteht, das Fragen aufwirft – plötzlich ein Müllauto in Ghana.
Ritter: Also eher nomadisch als „heimatlich“?
Böhm: Nein, wie gesagt, sie sind eher stolz darauf, dass sie diesen Job machen. Es gab auch keinen, der gesagt hat, ich würde gerne mit einem anderen Auto in die Heimat fahren. Bei dem einen oder anderen, der mit dem Müllauto heranreiste, gab es ein tagelanges Fest und alle fand es toll.
Im Endeffekt ist es einfach eine Sichtbarmachung.
Ritter: Bei anderen Projekten gehen sie auch von einem Objekt aus, z.B. bei dem Handyprojekt, von einem modernen Element, das man in Kommunikationsstrukturen festmachen kann.
Böhm: Eine Gemeinsamkeit sind die gesellschaftlichen Strukturen, die wir gefunden haben. Bei dem Handyprojekt hat uns generell interessiert, wie die modernen Medien unser Verhalten verändern. Das Telefonieren mit dem Handy ist besonders augenfällig. Solche Verhaltensmuster haben wir beobachtet – ganz typisch: Jemand geht einen Weg ab, eine Acht oder ähnliche Formen. Wir haben dann eine Idee entwickelt, einen Service, der für diese Bedürfnisse ein Produkt entwickelt, eine Lösung. Das Bedürfnis haben wir sichtbar gemacht und eine Lösung gleich nageboten, teilweise natürlich auch ins Absurde übertrieben. Das Ganze endet dann in einem Clip, eine Mischung aus Musikclip und Werbevideo. Wir arbeiten sehr viel mit Ideen, die der Werbung nahestehen. Mit der Werbung teilen wir uns ja den öffentlichen Raum. So ist dann ein Clip entstanden, in dem so getan wird, als gäbe es einen weltweiten Service für die Handynutzer und deren verändertes Verhalten.
Links:
Webseite der Künstler:
http://www.empfangshalle.de
Ausstellungsdaten „KunstRaumStadtRaum und Filmvorführung“: http://www.arts-on.com/pr/past.php?id=595
Kurzbemerkung und Fotos von der Filmvorführung: http://www.arts-on.com/webfischerei.html * http://www.arts-on.com/artscrubbingtheweb.html
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