Sous le plaîd, sûr le plaîd, dans Le Palais parfait.
Über dörfliche und städtische Partysüchte
Ein Palais. Es stammt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, ist noch immer hübsch und steht in der Stadt, mit Garten oder am Stadtrand, erreichbar. So erinnert man sich an das Berliner Kronprinzenpalais , zu der Zeit, als man damit noch nichts Bestimmtes anzufangen wusste, das Gebäude unter den Linden aber sofort nach Mauerfall auffällig geworden war, weil so hübsch und noch dazu neben dem wie vom lieben Gott auf die Prachtstraße geworfenen, neuen, besten Café am Platz stehend, dem Operncafé mit dem herausragendsten Kuchenangebot ganz Ganz-Berlins und einer wunderschönen Terrasse. Damals wog die Autorin kurzfristig über 100 Pfund und schrieb für das Neue Morgenblatt für gebildete Stände. Ein riesiger Presseausweis, größer als ein DDR-gestempelter Pass, öffnete Tor und Tür, wenn auch nicht auf das Café-Büffett, dann doch in das Palais. Ein wunderschöner Abend auf der Gartenterrrasse dieses Kronprinzenpalais im kontinental-erwärmten Berliner Sommer prägte unsere Erwartungen an Palais-Parties für das ganze Leben.
Nach Jahren im Süden, wo eben weit häufiger zwischen den eigenen Twelve Oaks (zumindest bei den Nachbarn) gegrillt wird als abendlich ein Palais aufzusuchen, explodierten nach einer schlimmen Kältephase nun plötzlich die Palais-Parties, die Straßenfeste und innerstädtischen Wochenend-Events in freier Luft. Allen voran - so dachte man in der Herzerl-Redaktion - explodierte die Partylaune der Augsburger Kunstsammlungen und Museen, die schon zur "Langen Nacht der Museen" mit unbekleideten, weiblichen Steinen (in Musenform natürlich) eingeladen hatten und nun noch mehr Gelegenheit geben wollten, die einmal angedeuteten Versprechungen auch einzulösen. Das Schaezlerpalais, ein entzückendes Häuschen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, ludt gleich zu einer lockeren Folge von Jazzparties auf seinen innerstädtischen Gartenwiesen ein. Seit der Wiedereröffnung nach einer Restaurierungsphase von 2004 bis 2006 und Investitionen von 5,6 Millionen Euro (!Ouhps) lockt das für seine Zeit noch recht verstuckte Häuschen mit der Barockgalerie und Sonderausstellungen im zweiten Stock unzählige Besucherinnen und Besucher an, die in dem hochschlank und himmelsbetont goldgeschminkten Festsaal Eröffnungen absolvieren und in den geradeaus zulaufenden Ausstellungsräumen bei sanften, kunstschonenden Lichtverhältnissen die Schönheit der eigenen und fremden Museumsbestände bewundern.
Die
Ausstellungsräume können die erschreckende Geradlinigkeit
der Wohnverhältnisse im Stil von Schönbrunn (natürlich
mit etwas weniger Pomp und Zimmerzahl) oder auch der Uffizien (also
eben Durchgangsraum für Durchgangsraum unabhängig von Ort,
Zeit und Stil) nicht ganz abschütteln. Wie schön, dass man
heute nicht mehr so wohnt. Obgleich das Kaminzimmer rechts des
Eingangs in die derzeitige Sonderausstellung "Chile und Johann
Moritz Rugendas" noch eine Idee von weiträumiger Pracht und
vielleicht sogar Gemütlichkeit vermitteln. Ganz besonders, wenn
man Bilder von Schiller in seinem Schlafzimmer kennt oder andere,
zeitgleiche Wohnverhältnisse bürgerlicher
Kulturschaffender. Der Bauherr und erste Besitzer des
Schaezlerpalais, Benedikt Adam Liebert, Edler von Liebenhofen
(1731-1810) war zwar im Silberhandel tätig, der in Großprojekten
und kleineren Sonderausstellungen in den Kunstsammlungen ebenfalls zu
kulturellen Ehren kam, erwarb aber sein Vermögen als Bankier.
Und,
wer hätte das gedacht, der Nachfolger Lieberts, sein ehemaliger
Angestellter Schaezler, der die wohl schon leicht ausgezehrte Witwe
nach elf Jahren WittiberInnenstand mit dem Ankauf des Hauses rettete
(und ihr sogar eine Tochter "abnahm"), hielt nicht nur das
Palais über Jahrhunderte im Familienbesitz, er wurde 1821 auch
noch zum Gründer eines der Hauptsponsoren der Augsburger
Kunstsammlungen und Museen, der Augsburger Stadtsparkasse, damals
noch die "Augsburgische Ersparniss-Kasse mit Verzinsung")
[Schaezlerpalais, 2006, S. 35]. Wo die Verhältnisse klein und
besonders sind und die Erben ihre Vorfahren quasi noch vom Bild über
dem eigenen Kamin oder den überlieferten Erzählungen
kennen, insbesondere der Wirtschaftsadel des 15. und 16. Jahrhunderts
in der Stadt sich und sein Vermögen tradierte, sind 5,6
Millionen aus Staats-, Landes- und städtischen Mitteln und
Zuschüsse aus US-Fonds offenbar möglich. Wie anders als die
Berliner Verhältnisse, in denen kein Hohenzoller mehr so ernst
genommen würde, dass er den Wiederaufbau des Stadtschlosses als
Verteidigung des Erbes und eine Frage der Patrizierehre inszenieren
könnte. Stattdessen lesen wir über die aktuellen Planungen
und Bauvorbereitungen des Berliner Stadtschlosses auf Wikipedia: "Bis
einschließlich März 2008 konnten 8,29 Mio. Euro an Spenden
eingenommen werden, weitere 7,51 Mio. Euro sind verbindlich zugesagt
worden". Der Finanzbedarf hingegen liegt laut Wikipedia bei ca
670 Millionen....Wikipedia
Stadtschloss Berlin, und die Hohenzollern taugen auf selbiger
Seite insbesondere für kuriose Spukgeschichten.
So hübsch also das Restaurierte, so schön und letztlich gewinnbringend auch der Garten. In einer Art konzertierenden-konzertierten Aktion veranstaltet das unermüdliche Augsburg nämlich mit Anlaufstelle im Schaezlerpalais eine Art Städtisches Rätselspiel, das die BesucherInnen nicht nur freundlich empfängt sondern sogleich auch weitertreibt in andere, ebenso hübsche Augsburger Häuser, Läden, Shoppingcenter, an Straßenstände, unter Galeriedächer, auf Festplätze, um Brunnen herum, in Autoausstellungen, auf Freiluftparties, in Freiluftkinos etc. pp.
Ausschnitt von einer Zeichnung von J.M.Rugendas - In der Ausstellung wird der farbige Diener etwas ungehemmt als " Negersklave" tituliert . Im Übrigen: Rugendas Werk ein stilistisches Leitbild von Hergé?
Zu Deutsch: Es dauerte Stunden, bis wir von einem Presse-Parkplatz im Halteverbot ein paar Meter über die Maximilianstraße quer durch ein situativ einberufenes Volksfest mit Grillständen, sonstigen Buden, Konzertbühnen und Autoausstellungen den Weg in den ebenso überfüllten Rokokogarten gefunden hatten.
Dort waren die Wiesen bereits beladen mit einfach so Hingestreckten, zumeist immerhin nicht gravierend betrunken, sondern noch im kultivierten Zustand.
Viele fotografierten, manche küssten sich, andere tranken etwas, einige hörten zu, obwohl die Band zumindest als Freejazz fehldeklariert war und nicht allzuviel spätbarocke Eleganz an den Tag legte. Ich hatte etwas wie das Fontessa Jazzquartett erwartet und war deshalb dem Dixie-Abend extra ausgewichen. Aber weder Garten, noch Luft, noch Musik waren cool. Vielmehr war einfach alles in Übertönungsstimmung. Wir gestehen, dass wir im Zuge der Anpassung unsere Schuhe ebenfalls spontan mit orangener Farbe annähernd streifenweise und locker verlaufend übertönt hatten. Immerhin brachte das selbst im Getümmel auf der Maxstraße Komplimente von einem Designer, wie wir sie an einem Abend mindestens ein- bis zweimal erwarten.
So kommt zusammen, was stilistisch zusammengehört ? Zu der Rigorosität des Amüsierstils auf Maxstraße und im Garten selbst passte, was der weise Autor des vorbildlichen Buches über das Schaezlerpalais, der leitende Direktor der Kunstsammlungen Augsburg selbst, Dr. Ch. Trepesch, in einem sprachlichen Stil, der jeden Dehio-Nachfolger und sogar Dehio selbst fachbegrifflich in den Schatten einer hochmittelalterlicher Gruft stellt, ausführt, das nämlich dieser anglo-chinoise Rokokogarten eigentlich stilistisch noch dem Barock zugeordnet werden kann. Die weiträumig ausschweifende Natürlichkeit, die später z.B. 1793 im Sieben-Tisch-Wald landschaftsarchitektonisch inszeniert wurde, ist in den abgezirkelten Rasenflecken des kleinen Quadrats noch kaum sichtbar (vgl. Trepesch, Schaezlerpalais, 2006, S. 95). Allerdings fanden wir doch, gerade im Abenddunkel, das auch das städtische Patriziat des 18. Jahrhunderts zu schätzen wusste, romantische und kulturell zeitgemäße Stellen, wie die Möglichkeiten des Schattenspiels von dem zentral gelegenen Brunnen aus betrachtet im Blick auf die äußeren Gänge des kleine Gartens. Natürlich eine Frage der Ausleuchtung, die 2005 im Zuge einer konservativen Neugestaltung erneuert wurde. Schön auf jeden Fall der Blick in den Festsaal, also auf das Palais, der den Eindruck erweckt, als wäre das Palais komplett von vergoldeten Innenwänden bestimmt und tatsächlich lesen wir im schlauen Buch als Bestätigung unseres naiven Blickes: "Die anglo-chinoisen Wege sind vermutlich nicht nur bloße Reminiszenz an den modernen englischen Geschmack bzw. als Zugeständnis an die gartengestalterische Modernität zu begreifen, sondern sie sind tatsächliche Korrelate zu den Asymmetrien der Rocaillen im Festsaal, die sich an vielen Stellen zwar asymmetrisch und eigendynamisch entwickeln, die aber stets einem Gesamtsystem verhaftet bleiben." (Trepesch, Schaezlerpalais, 2006, S. 94)
Repräsentation satt also, und gerade der Rekurs auf die Beleuchtung führt uns zurück zu dem eigenen güldenen Dörflein, das uns nur ungern von seinen Straßen nach Augsburg ziehen ließ, denn es hatte mutig und trotzig eine eigene Straßenparty am selben Abend einberufen. Und Mering ist nun einmal nicht nur ein einfaches Dorf, sondern darf als ursprüngliche Herberge des späteren, nicht neureichen Augsburger Patriziats gelten, z.B. der Familie derer von Ilsung, die ihre frühmittelalterliche Grafschaft im 12. Jahrhundert aufgaben, um sich den Augsburger Patriziern einzuordnen.
Als Landaldel alten Stils waren sie eine Existenz unabhängig von wirtschaftlichen Präferenzen gewohnt. Die nur politisch und landbesitzend tätigen Edlen orientierten sich ab dem 16. Jahrhundert zunehmend mehr an den Wissenschaften und schließlich komplett an der Theologie, was im 17. Jahrhundert zu Auftritten als jesuitischer Schauspielertrupp und fast zum "Absterben" des altadligen Geschlechts führte. Glücklicherweise überlebten einige als Beamte bis in das 19. und 20. Jahrhundert hinein, jedoch eben ohne das nahezu pompöse Werbebewusstsein, das man vom Geldadel Augsburgs noch heute kennt. Aber...
Mering eben, erstrahlt auch in berühmter Art und Weise, sehr typisch für die bayerische Art, sich durchzusetzen. Bayern ist dem Medienkenner ja geläufig als das Bundesland, das einfach in seinem Regionalprogramm ab 1952 Werbung schaltete - noch bevor der Sachverhalt juristisch geklärt war. Der bayerische Löwe brummte und die Werbung folgte eben. So ähnlich hatte der Industrielle Zettler schon um 1900 das kleine, traditionsreiche Dorf in ein neues Licht gerückt, um seine Turbinenanlage zu finanzieren, die er für die Industrieproduktion ebendort benötigte. Er veranstaltete eine riesige Party, bei der alle dörflichen Straßenlampen in elektrischem Licht erstrahlten. Die Begeisterung der Bevölkerung war dermaßen groß, dass die Gemeinde sich gezwungen sah, dem nachfolgenden "Vorschlag" des Industriellen zuzustimmen: Die strom- und lichtspendende Turbine wurde von beiden zu gleichen Hälften bezahlt (vgl. Schallermeier, Mering, 1983). Also, Zwang ist das heiligste Mittel in Bayern, es muss nur wie Überzeugung aussehen.
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Das ist, wer hätte es erwartet, auch, was in der noch bis zum 20. Juli zu besichtigenden Sonderausstellung im Schaezlerpalais nachvollziehbar wird: Ein junger Malersohn, Johann Moritz Rugendas, wächst ganz selbstverständlich in den Beruf des Malers, Zeichners, und Kupferstechers hinein. Etwas unbeholfen wirken die jugendlichen Zeichnungen der Familie, die Tätigkeit selbst alternativlos inmitten der Zeichnungen und Stiche von Vater und Großvater. Ein Kriegsgetümmel aus großväterlicher Hand lässt in der Art und Weise, wie zerbrechende Pferdeleiber ineinandergedrängt sind, nichts Gutes ahnen in Bezug auf Toleranz und Laisse faire innerhalb der Familientradition. Obgleich künstlerisch eigentlich eines der interessanten Blätter, ist es vielleicht wegen dieser gewissen Gewalttätigekit von den Kuratoren der Ausstellung (Christof Metzger und Christof Trepesch) quasi hinter der Tür des Kaminzimmers versteckt. Immerhin ein interessanter Zug der Präsentation, dass sie Hintergründe wie Familienverhältnisse und wirtschaftliche oder soziale Aspekte des Malerlebens von Rugendas ausführlich rekonstruiert und auch in der Ausstellung selbst eigentlich spannend vermittelt. So erklärt sich die naheliegende Popularität der Reisestudien aus Süd- und Mittelamerika von Rugendas im Kontext und kann mit der schwankenden Qualität der Arbeiten in Beziehung gesetzt werden. Das positive Gesamturteil der Veranstalter über Rugendas Oeuvre bezieht sich vor allem auf einen Aspekt der Vereinfachung, den dessen Werk unabhängig von den künstlerischen Techniken (Zeichnung, Stich, Malerei) aufweist.
Und tatsächlich - um es ketzerisch zu sagen - ist Rugendas häufig vergnüglich oder leicht, auch in der Ausführung fast etwas unengagiert, sodass man ihm ein Interesse an einer sprechenderen, stärkeren Formensprache zutraut. Manche Gemälde lassen schon expressive Vereinfachungen wie später bei Nolde aufblitzen (zwei Felsformationen), andere Blätter nehmen den Stil von Comics im Stil von Hergé oder anderen belgisch-französischen Zeichnern vorweg. Und überhaupt ist Rugendas auch in seinen stärker ausformulierten Werken, die häufig mit Klischees überladen sind, den Franzosen nahe, quasi nicht retrospektiv sondern denen seiner Zeit oder der Generation davor, wie z.B. Ingres und dessen Orientalismus, d.h. seiner detailfreudigen Ausgestaltung arabisierender Interieurs und ornamentaler Details in Architekturmotiven und Bildoberflächen - ein heute wenig beliebter Zug von dessen Werken. Die Zuverlässigkeit des Dokumentarischen in den Werken Rugendas ist somit von Auftrag zu Auftrag sehr unterschiedlich und wohl nur an jedem einzelnen Blatt zu beurteilen. Da der Katalog zugleich die Schwierigkeiten dokumentiert, die dieser Mensch, der von Malerkollegen freundlich als "der Schönste seines Geschlechts" beurteilt wurde, mit Auftraggebern und Honoraren hatte, zeigt die Sonderausstellung den Vorteil von Ausstellungen allgemein, die sich nicht auf die Crème de la crème der Kunstgeschichte kaprizieren sondern das auch verfänglich als Verklärung interpretierbare CSU-Programm der "Heimatlichkeit" nutzen, um ein realistischeres Bild von KünstlerInnen und ihrer Geschichte zu zeichnen.
Bericht und Fotos: Dr. Ulrike Ritter
Ausstellung "Chile und Johann Moritz Rugendas" - noch bis zum 20. Juli. Schaezlerpalais, Maximilianstraße 46, 86150 Augsburg, Tel. 0821 324 4102, Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr.
Katalog zur Ausstellung herausgegeben von Christof Metzger und Christof Trepesch, Santiago de Chile, Museo Nacional de Bellas Artes und Augsburg Kunsrtsammlungen und Museen, Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms am Rhein 2007. Gebunden, 177 Seiten.
Trepesch, Christof: Das Schaezlerpalais und die Deutsche Barockgalerie. Ein Augsbuch. Hesz Print und Medien 2006. Gebunden, 178 Seiten.
Schallermeier, Martin. Aus Vergangenheit und Gegenwart. Hg. Markt Mering. Hofmann-Druck KG Augsburg, Mering 1983. Gebunden, 260 Seiten.
Ilsung, Johann Melchior Ilsung: Ilsungische Cronica und Stamb Bichlen de Anno zu 675 bis auf das jetzige Jar 16 Ordentliche Beschreiben und aus den Fundation Tradition Pichen, auch alten monumentis mit fleis gezogen und in dieses Leybel zesamen getragen. Band 1: Die Chronik in Abbildungen. Band: 2 Transkription (Ritter, Ulrike). Bd. 1 355 schw.-w. Abb. , Bd. 2: 355 Seiten. Paperback. Verlag electroniclandscape, Mering 2007.
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