Von der semantischen Höhe weißer Klotüren.
Wolfgang Schenk inszenierte im Rahmen der Augsburger Reihe „Augsburger Kunstförderpreisträger zu Gast im H2“ eine dadaistische Installation.
Auf einer Ausstellungseröffnung aufzufallen, ist eigentlich nicht wirklich problematisch- insbesondere nicht, wenn man ein Kunstwerk ist – besser noch – DAS ausgestellte Kunstwerk. Das eine oder andere Exemplar der Konzeptkunst – mitunter waren es, zumindest in den 70ern, nur kleine Zettel an der Wand – hat sich durch auffälligen Informationsentzug als Gegenargument zu dieser Behauptung etabliert. Eine aktuelle, quasi ad hoc entstandene Installation des Augsburg-Münchner Bildhauers Wolfgang Schenk verknüpfte im Rahmen der überraschend überraschenden Ausstellungsreihe „Augsburger Kunstförderpreisträger zu Gast im H2“ *auffälliges Verhalten* einer Installation mit dem gezielten Informationsentzug, durch den man Konzeptkunst als solche erkennt: Nur momentanes, plötzliches, lautes, relativ eindeutig sexuell motiviertes Stöhnen eines Mannes, lautes Heulen einer Frau, schließlich das typische Schreien eines Kleinkindes – mit diesen Geräuschen verließ die Installation den zurückhaltenden Gestus der Konzeptkunst und verschaffte sich erfolgreich sinnliche Effekte und Lacherfolge. Doch herauszufinden, wer oder was warum stöhnt, schreit oder heult, blieb den Gästen der Ausstellung strenggenommen versagt. Die Kunst blieb im Abgeschlossenen des Weißen Quaders, das man als typischen Umgebungsraum der Modernen Kunst kennt. In Schenks Ausstellung allerdings fungiert die elegante weiße Architektur nicht als funktionale Hülle der modernen Künste sondern als Kulisse einer „öffentlichen Bedürfnisanstalt“. Auf deren Türen findet man nicht nur die charakteristischen Symbole für Männer und Frauen, unter deren Türklinke nicht nur das unfreundliche Rot für „besetzt“, sondern auch ein Gekritzel, das zwar im Auftrag des Künstlers, aber nicht von diesem selbst auf die Tür geschrieben wurde: die bekannten Buchstaben von Marcel Duchamps Mona Lisa Verfremdung: L.H.o.o.Q.
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Das Künstlergespräch eine Woche nach der Ausstellungseröffnung zeigte verschiedene Erklärungsansätze, die alle kaum als vollständig zu bezeichnen waren. Was der Künstler davon halten würde, für nicht in die Interpretation passende Elemente des Kunstwerkes kritisiert zu werden, wollte er sich nicht ernsthaft fragen lassen. Die „möglichen“ Interpretationen reichten von moderner Expressivität durch reduzierte akustische Effekte und Informationsentzug bis zur Kunst als soziales Experiment oder Selbstverspottung. Künstler Schenk stimmte allem und nichts zu, wie man es von einem konzeptionellen Bildhauer erwartet.
(Foto:
„Abstract Semiotics“, 2008, U.R.)
Deutlich wurde jedoch auch, dass die Installation und Schenks Kunst allgemein weder anspruchslos noch uninterpretierbar waren noch sind. Die Kataloge namens „Cortex“ von einer Doppelausstellung 2004 in der Galerie im Foyer in München und dem Schloss Ansbach Bezirk Oberbayern (Vorwort: Dr. Thomas Elsen) und „miserere“ 2002 in der Neuen Galerie im Höhmannhaus (Vorwort: Dr. Thomas Elsen) wiesen vielmehr durch eine multiple Skulptur namens „guilty“ (2004) und Referenzbilder aus der Zeit des Dada und Surrealismus in Richtung gesellschaftskritischer Lustmord (vgl. „Cortex V“, 2004). Der Dadaismus ist als Bezugsobjekt nicht notwendig eindeutig – Kurt Schwitters war auch Dadaist und bis auf „ Auguste Bolte“ weitgehend unkritisch gegenstandlos [bzw. *ungegenständlich* :)].
Wieder findet man in den katalogisierten Stellungnahmen Hinweise auf kontinuierliche, inhaltliche Motive wie z.B. Körperlichkeit. Von den Bedeutungsfacetten des menschlichen Darms über den Körper als Gestaltungsgegenstand bis hin zu der ambivalenten Einstellung gegenüber körperlichen Bedürfnissen, die der Eröffnungsreferent in der Installation sah, reicht das diesbezüglich hervorgehobene Spektrum. Andererseits war in der Ausstellung „Cortex“ der körperliche Aspekt des Lustmordes per Messer gerade ausgespart – lediglich ansehnlich aufgestapelte Sockel mit klassischem, scharfschneidigen Messer waren in der Installation „guilty“ in mehrfacher Wiederholung aneinander gereiht, in „Cortex V“ ruhte das schneidige Messer sanft in den genähten Aushöhlungen einer Matratze (Die Sprachspiele legen einen gewissen Sexismus nahe, so auch „lust supper“, das einen klassischen Frauenkopf aus Brot auseinanderbrechend zeigt – sehr nahe an den Fantasien pubertierender Knaben, die ihrer Mutter nicht länger beim Mittagessen zusehen möchten.).
In der neuen Installation anlässlich der H2 Ausstellung versammeln sich mit Stöhnen, Heulen und Babygeschrei wenigstens drei Geräuscharten, denen relative Unwillkürlichkeit nicht abzusprechen ist. Dass das Stöhnen als quasi erlaubte Unwillkürlichkeit bei Männern, Heulen als ebensolche bei Frauen und Wehgeschrei bei Babies vorgestellt wird, weist in diesem Fall vielleicht weniger auf eine konservative Einstellung des Künstlers als vielmehr – in einem ersten wichtigen Schritt – auf soziale Zwänge hin: Männer, die, wie man zumindest von männlichen Kindern und Jugendlichen weiß – auch gerne und häufig genug Wasser verschütten – dürfen diese Form des Sozialverhaltens irgendwann nicht mehr typisch repräsentieren. Was man in der Öffentlichkeit von unwillkürlichem, weiblichen Stöhnen hält, wurde z.B. in den berühmt-berüchtigten Pressekampagnen gegen die Tennisspielerin Monica Seles deutlich, die ständig wegen vergleichsweise harmloser Anstrengungsäußerungen zurechtgewiesen wurde. Die ebenfalls jammernden Schreilaute eines Kleinkindes sind ebenfalls insbesondere bzw. eigentlich nur diesem erlaubt.
Also Körperlichkeit in der „Clô[-]ture“ - ein Begriff von Husserl, der, Deutsch gelesen, auch sehr gut zu Schenks Sprachspielen mit „Look“ oder „Elle a chaud au cul“ passt – des gesellschaftlichen Korsetts (Klosetts usw...?).
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Fountain, 1917 |
Kurzum. Man kann in der Installation ein Motiv erkennen, das über den abstrakten Begriff von Körperlichkeit auf soziale Ordnungen und Anordnungen verweist, und die Installation damit stärker und deutlicher in das George Grosz'sche Kostüm der Pissoirkritzelei einpasst, in der sich inszeniert aggressiv und tendenziell enthemmt antibürgerliche Elemente deutlich und authentisch zu erkennen geben (um es so bourgeois wie möglich zu formulieren). Der stöhnende Mann also und die heulende Frau, das schreiende Kind, weisen, dadaistisch und gesellschaftskritisch gelesen, auf die kleinbürgerlichen, post-natalen Verhältnisse hin, und deren Unglück: Die Ehe ist quasi „im Arsc...“.
Das hat natürlich Schenk „gesagt“ bzw. unexplizit – semiotisch - installativ vorgegeben. Die Autorin, lediger Unschuldsengel, hüllt sich post-kritisch in geselliges Schweigen.
U. Ritter

(Fotos:
„Abstraction“ et al., U. R.)
Nächster Termin: Dienstag, 22. Januar 2008, 19.00 Uhr. Ausstellungseröffnung im Rahmen der Reihe „Kunstförderpreisträger Augsburg“: Karen Irmer, Förderpreisträgerin 2002.
Infos und Adressinformationen:
http://www2.augsburg.de/index.php?id=1139

Künstlergespräch
am 15.01.2008; Zweiter von links Dr. Thomas Elsen (Leiter des H2),
Dritter von rechts im Bild: Wolfgang Schenk, ausstellender Künstler.