Foto: Dr.U.R., Mering


A better city.


Stell dir vor, es gibt eine Stadt und keiner wohnt drin... vielleicht egal? Um den statistischen Schein zu wahren, verschiebt man die Bewohner einfach an den Rand. Dort bilden sie eine Figuration, die auf Bildern der Stadt z.B. geweißelt werden könnte. Um dann als Ornament zu der modernen Architektur der Stadt in gläserner Transparenz, marmorner Weiße und steinerner Linientreue zu passen....


"ITALIENISCHE MEISTERWERKE ZUM GENIESSEN"* Foto: Ritter, Mering.


So das moderne Rom, von Massimo Siragusa fotografiert. Korrekte Fotografie mit nicht verzerrendem Weitwinkel, hell, ruhig, klassizistisch. Marmor tritt als typisches Element der römisch-katholischen Selbstvergewisserung auf die Bühne. In Rom normal, fast unvermeidlich, leitet Marmor den Blick vor allem weiter, bei fast allen Fotos tatsächlich - unbewusst oder als Witz ? - nach oben - auf den Himmel, selbst, wenn dieser nicht im Bild ist. Die Statuen heben immer mindestens einen Arm und den Blick sonnenwärts, so auch die Kamera. Selbst eine flache, die Renaissance remineszierende Café-Fassade kann das leisten, wenn sie oben einfach brutal abgeschnitten ist, wir also den Himmel 'sehen', indem wir ihn ("IHN" ?) vermissen. Der di Trevi Brunnen ebenso, marmorweiß im Hintergrund, im Vordergrund eine Statue mit Gloriole und himmelwärts weisendem Arm. Massimo Siragusa, was für ein Italiener !


Foto: Jordi Bernadó, Barcelona, aus A better city.

Für Mittelitalien sind Gott und Marmor eben einfach Standard. Für das hölzern graue Deutschland ist Marmor viel mehr verbunden mit ägyptischen Hinkelsteinen und Mussolini, im Höchstfall mit den gespenstischen englischen Schlössern (Marlborough Castle etc.). Also, diese Treppen von Massimo sind mir einfach zu glatt. Die Stadt der Zukunft - Schreck. (Man wäre dann weg...)

Ja - wer gelegentlich den Kunstbrief liest, weiß bereits, dass wir nun nicht platt menscheln und uns an die Brust des Barcelona-Fotografen Jordi Bernadó schmiegen, damit wir quasi zufällig auch einmal portraitiert in einem Schmankerl-Katalog wie "A better city" landen, hergestellt auf GardaPat 13 KIARA 150g/m2 des Sponsors Garda Cartiere. !Wir! geht zuerst einmal mit Fotos kuscheln, die nicht so kalt und gemein sind wie Stein - sondern (im übertragenen Sinne natürlich) lustig riechen und unseren Meerschweinchen schmecken. Also Gras. Grün, Grünes, Grüneres. Also England. England, England. Die Insel, die auch noch stolz auf ihr Regenwetter ist. Die nur vom Golfstrom lebt, und in kontinentaler Lage sonst kälter wäre als Sibirien. Diese Stadt London ist in den Fotos von Stephen Gill eine Sissinghurst-Schubkarre voll frisch geschnittenen Lawns. Wer London kennt, egal welches End - weiß,- eine mehr als komische Idee. London ist um die Parks herum Stein und Vinyl, Hunderte von Kilometern lang - die Fahrt ins umweltverbrecherische Heathrow zählen wir mal als Extension der Stadt. Selbst Oxford hat kein grünes Innenleben. Lawn schmiegt sich im Englischen lediglich von außen oder in nierenförmigen Ovalen, von Turnierponies malträtiert, an die niedrigen Steinhaufen an, die so repräsentieren, dass sie seit Jahrhunderten zwar auf kleine Zierrasen, aber nicht auf das Gesamtproblem "Grün" Rücksicht nehmen mussten. Die grünen Schubkarren mit Frischgeschnittenem, das glänzt wie Gold im Fell eines Satinmeerschweinchens - eine Utopie ?



Foto: Stephen Gill, London, aus A better city.

Viel näher an dem realen London wären die Fotos von Prag, die Missirkov & Bogdanov als "besseren Vorentwurf" ihrer Stadt zusammengestellt haben. Prag, die Casualistin unter den europäischen Städten, deren Straßensäume auch schnell mal aus hingeworfenen Reifen für ein Seifenkistenrennen bestehen können. Die Bauzen, Hunde mit dunklen Augenringen, denen wir noch Herumtreiberei zutrauen, x-beliebig eingehüllte Passanten - also wirklich an der Kamera vorbei PASSIERENDE, die sich nicht um das Bild von ihnen scheren, das vielleicht um die Welt geht, diese fantastische Gleichgültigkeit gegenüber den Zwängen des Luxus und der Moden ist Prag in den Augen der Fotografen. Das fotografierte Prag, das in seinen starken Momenten belichtete Prag also, die Renaissance des nahezu utopisch realen Neosozialismus? Das Unscheinbare natürlich, die Versinkerei im bunten Treiben der Mitmenschen .... hm....Utopien mit offensichtlichen Mängeln?


Foto: Missirkov & Bogdanov, Prag, aus A better city.



Zeit zu haben, in der Stadt zu stehen und sie von oben herab anzuschauen. Ihr komisches Werden und arbeitssames Wachsen zu sehen, selbst starr und konform wie das, was wächst: Beijing in den Augen von Weng Fen. Seine Modelle in Schuluniformen sind mehr als augenfällig Metaphern: Konform, uniform, Hochform. Inszenierungen, die Schweigen und Unruhe erzeugen. Utopien als Sinnbilder heranwachsender Unerträglichkeit? Rasendes Auseinanderklaffen von westlichen und östlichen Habiti? Osteuropa, nicht-asiatisches, du bist so nah, mein Kopfkissen gegen das asiatisches Reißbrett. Nun die USA; Seattle, oder Mumbai, Athen, die Idee, das Besondere, überall minimal geprägt und fast trivial in den Erwartungen an das Land und sein Selbstveständnis, dieses nur bestätigend? Die Utopien der Weltstadt und "besseren" Stadt - nur eine Werbekampagne für Aspekte des Realen, die fotografisch hervorgehoben werden und synekdochisch überinszeniert?


Foto: Dr.U.R., Mering.


Ein abgebremstes Gegenbeispiel: Seattle, Stuart Isett. Die Webseite des Fotografen http://www.isett.com/ gibt schnell einen amerikanisch-professionellen Stil zu erkennen: Weitwinkel oder Panoramaaufnahmen, ornamentalisierte Oberflächen (also z.B. sich wiederholende, auffällige Schattenkonfigurationen), Landscape und Reality-Themen. Die Bilder wirken mehr technisch dekorativ, eigentlich inhaltsleer. Aber im Katalogbuch, wohl inspiriert durch ein Thema und den glücklichen Zufall, dass die eigene Heimatstadt etwas dazu bietet, eine fotografisch witzige, aber auch technisch reduktive Dokumentation einer grünen Protestbewegung und städtischer Initiativen gegen das CO2 Aufkommen der USA und pro Kyoto.


Foto: Dr.U.R., Mering

Diese Aspekte des Realen, die Initiative ökologisch denkender Bürgermeister, tritt also zum Glück nicht als Utopie einer Idealstadt auf sondern als Realität einer "besseren Stadt". Andererseits, aus den Fotos allein erfährt man nicht, inwiefern Seattle notwendigerweise ein Sonderfall ist oder die umweltfreundlichen Initiativen auf andere Städte übertragbar. Fotos für einen illustrierten Beitrag in entsprechenden Magazinen - im Vergleich stehen die Prager Bilder z.B. für sich. Deren Fotografen, Missirkov & Bogdanov, zeigen in der Serie ›ID 2000‹ besonders erfolgreich sexuell "aggressive" Frauen bzw. stellen sich mit diesen Bildern auf den verschiedenen Webseiten vor. Und schwupps - fällt uns auf, dass auf dem Foto "Drogheria Rossmann" im Katalog ein junges Girl beim Hineinspazieren fotografiert wird, mit toller Figur und Minirock, Stiefelchen, blond usw. usw.... Im Vordergrund dann noch andere Exemplare unterschiedlichster Form und Gestaltung....


Noch ein kurzer Blick auf die Websites der Künstler unter den Fotografen im Buch "A better city", die mit den einseitigsten und abgedrehtesten Bildern, also nochmal Weng Fens schreckliche Bienenstaat-Architekturfotos, Stephen Gills Londoner Grünzeug, schließlich Alexey Titarenkos St. Patersburg:



Foto: Dr.U.R., Mering

"Accumulating eggs / Weng Peijun's terrific new world" war Weng Fens vor Beijing liegendes Projekt, und da Weng Peijun für die Ansicht steht, es "gibt nichts Gefährlicheres, als Eier aufzustapeln", liegen wir mit dem Bienenstaat-Urteil über die konformistischen Hochbauten genau richtig. Die Mädels auf den Dächern sind also - in ihren Schuluniformen - quasi selbstdenunzierend, "Bienen" eben, China ein grässliches Matriachat, in dem keine Individualität möglich ist.... (Buch zu. Obwohl es wahrscheinlich der einzig kritische Fotograf ist.)


Gill: Eigentlich "documents, documents, documents". Wie hart und gemein eine Kunstauffassung zu ihrem Vertreter sein kann, zeigt eben die Differenz zwischen Stephen Gills Arbeiten im Rahmen der Ausstellung "State of Work-Arbeit im Zustand der Verunsicherung", in der er vor allem Müll, Schrott und Dinge, die dem nahe kommen, fotografierte, und den grünen Bildern im Katalog, die üppig, barock, gräsern, saftig, linsenumschwappend, weiträumig, dicht und tief sind.


Foto: Yannis Kontos, Athen, aus A better city.



Dann bot sich noch Alexey Titarenko zum Nachschlagen an. Die Bilder von St. Petersburg erfüllen in romantischer Weise, wie es Tolstoij nicht besser vermocht hätte, unsere Ängste gegenüber dem russischen Winter und / oder Schicksalen wie dem vom politisch kritischen Schriftsteller Jacob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), der, einstmals aus Herzog Augusts und Anna Amalies Weimar vertrieben, bei Katharina dG Schutz suchte, aber in Moskau nur die Kälte der Straßen fand.... http://www.alexeytitarenko.com/ Auf der Webseite dieses Fotografen (Titarenko, nicht Lenz) sieht man Fotos in schwarz-weiß, auf denen die menschlichen Figuren so mehrfach belichtet und verschwommen sind, dass sie eine Art diffus - bedrohlichen Nebel bilden, eine Naturkatastrophe oder Naturgewalt, so ähnlich wie bewegtes Meerwasser, Unwetter und was man in St. Petersburg oder anderswo sonst noch fürchten mag.


Foto: Dr.U.R., Mering


Atul Lokes Fotos von Mumbai, Yannis Kontos Portraits zu Athen und das Berlin von Frank Rothe lohnen den Katalog ebenfalls, der mit seinen ca fünf Kilo ?, wunderschönen Druckfarben und üppig quadratischem Format genau so ein Buch darstellt, wie man es, wenn man Kunst einfach so genießen will wie einen Champignonsalat mit besonderen Zutaten, in seinem Bücherregal benötigt. Vielleicht sogar ideal als Geschenk oder um seine Freunde dann beim Cappuccino danach in gute Stimmung zu bringen...


Katalogbuch:

A better city. Seattle, London, Barcelona, Rome, Berlin, Prague, Athens, St. Petersburg, Mumbai, Beijing. Cartiere del Garda 2007. Mit Fotografien von Stuart Isett, Stephen Gill, Frank Rothe, Missirkov & Bogdanov, Alexey Titarenko, Weng Fen, Atul Loke, Massimo Siragusa, Jordi Bernadó, Yannis Kontos. In italienischer und englischer Sprache, 161 Seiten, 108 Farbtafeln, 27 cm x 27 cm.


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Bericht: Dr. Ulrike Ritter