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Starfotograf und Topmodel
(M)ein Streifzug durch das Internet

Which of my photographs is my favourite?
The one, I’m going to take tomorrow.
(Imogen Cunningham)

Dieser Leitsatz ist es, der mein fotografisches Denken bestimmt, der mich immer wieder nach neuen Herausforderungen suchen lässt, Schritt für Schritt weiter zu gehen, auf der Suche nach dem Ich und diese Schritte mit meinen Bildern zu dokumentieren.
So bin ich mal wieder dabei, diverse Fotoforen und Model-Seiten zu durchforsten. Dort tummeln sich jede Menge Fotografen und Models, jede Menge Bildmaterial um mal über den eigenen Tellerrand zu sehen und teilweise interessante Diskussionen, wie man ein gezeigtes Bild noch besser aufbauen könnte.
Auf Akt.de fragt da ein User an, wo er denn ein Bild mit einer speziellen – fast schon pornografischen - Szene im Netz finden und kopieren kann – er bräuchte das Bild für ein Geschenk. Künstlerisch soll es sein, auf keinen Fall solle es aussehen wie billiges Porno-Material. Auf den Hinweis, er solle doch etwas konkreter werden, ein Angebot hinzufügen oder wenigstens den Verwendungszweck nennen, kommt die Antwort: Er möchte ja nur aus dem Internet ein frei verfügbares Bild herunterladen. Da frage ich mich, wie ein Mensch es fertigbringt, zielsicher durch’s Internet zu navigieren um auf Seiten zu gelangen, auf denen künstlerisch-ästhetisches Bildmaterial publiziert wird und doch gleichzeitig all die Hinweise und Informationen zum Thema Urheberrecht oder Persönlichkeitsrecht zu umschiffen. Macht die Gier nach dem gewünschten Ergebnis betriebsblind oder ist es wirklich schon so weit, dass man eine Rechteverletzung billigend in Kauf nimmt um sein Ziel zu erreichen, vielleicht mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass eine große Meute von Winkeladvokaten nur darauf wartet, das Recht zu dehnen und zu verzerren, bis eben dieser Fall durch die Maschen fällt. Kopfschüttelnd klicke ich weiter zu 14model.de, wo mich die Frage anspringt: Was macht ein gutes Model aus? Hmmm, das muss ich mir erstmal auf der Zunge zergehen lassen. Irgendwie drängt sich mir ein Vergleich auf zu der Frage: Was ist ein gutes Auto? Weitere Recherchen ergeben, dass dieser Thread eröffnet wurde, weil der Seitenbetreiber informiert hat, dass er mit diversen Aktionen versuchen möchte, die Qualität seiner Community zu verbessern. Diese Plattform wird zum überwiegenden Teil von Amateuren wie mir genutzt, vom Anfänger bis zum Profi ist es ein weites Spektrum, sowohl bei den Fotografen als auch bei den Models. Nun gut, ich kann es nicht lassen, meine Definition eines guten Models verbal zu definieren und dort zu hinterlassen. Den Rest des Forums überfliege ich nur (sind eh größtenteils Standard-Threads zur Selbstbeweihräucherung oder gegenseitigem Anprangern) und wechsle zur zweiten großen Model-Plattform model-kartei.de. Als erstes begrüßt mich ein PopUp-Fenster mit dem Hinweis, dass ein paar neue Mails für mich eingegangen sind. Das geht natürlich vor. Oh, eine Anfrage auf ein Fotoshooting – so steht es im Betreff, also gleich mal aufgemacht. Sie heißt Sarah, blutjunge 15 Lenze jung, hat bisher noch nie vor der Kamera gestanden (wenn man mal von den 4 Handybildern absieht, die sie auf ihrer ‚SedCard’ hat) und könnte sich eine Zusammenarbeit gut vorstellen. Sie scheint auch genau zu wissen, was sie will, denn sie bietet mir ein 3 Std. Shooting (nur Portrait) an, was ich für 30 Euro/Std. mit ihr machen kann. Die 90 Euro sollen dabei natürlich von mir zu ihr fließen, zuzüglich einer Fahrtkostenpauschale, damit sie auch zu mir kommt, nicht zuletzt hätte sie auch gerne eine Visagistin mit an Bord. Bei so viel Unverfrorenheit bleibt mir erstmal die Spucke weg. Es dauert einen Moment bis ich mich emotional wieder so weit gefestigt habe, dass ich ihr in einer für die Situation sehr gemäßigten Form mitteilen kann, wie ich die Situation einschätze. Dass ich in dem Fall derjenige bin, der KnowHow, Räumlichkeiten, Fototechnik etc. einbringt und ihr auch noch eine Modelschulung biete, alleine schon durch die Anweisungen, die ich ihr beim Fotografieren gebe. Dass eigentlich ich derjenige bin, der Geld verlangen könnte und von mir aus noch nicht mal nach einer Zusammenarbeit gefragt hätte. Eine Zusammenarbeit mit mir kommt sowieso nur nach Rücksprache mit den Erziehungsberechtigten und Beisein mind. eines Elternteils in Frage. Keine zwei Minuten später dann die Antwort. Dass ich ein alter, notgeiler Sack sei, der sowieso nur darauf aus wäre, die Frauen auszuziehen und noch nicht mal was dafür bezahlen wolle. Hallo? Hab ich was verpasst? Sind das die Auswirkungen von Germany’s next TopModel oder ähnlichen Casting-Shows die uns momentan auf allen Fernsehkanälen (Reiz-)überfluten? Für den Moment hab ich genug von dieser Community und klick nochmal ein Häuschen weiter. Joyclub.de, größtenteils eine Plattform für Suchende für alles Zwischenmenschliche, aber auch ein kleines Forum für Fotografie. Neben Bilddiskussionen gibt es auch einen fototechnischen Bereich und da leuchten mir ein paar neue Thread’s entgegen. Einer davon klingt interessant. Es geht um die Suche nach dem richtigen Blitz. Gemeint sind nicht Aufsteckblitze für die Kamera, sondern so richtige Studioblitze für’s Fotostudio. Da auch dieses Forum größtenteils durch Amateure besiedelt ist, kann ich der Aussage von unserem Wirtschaftsminister Glos nicht so recht zustimmen, dass die Rezession aufgrund der Bankenkrise schon bei allen angekommen sei. Geht es hier ja in erster Linie darum ein paar Studioblitze anzuschaffen, nur um die Liebste zu Hause in’s rechte Licht zu rücken. Das muss wahre Liebe sein, wenn man den Gegenwert einer Mittelmeerkreuzfahrt in ein paar Schachteln investiert, die dann meistens störend in irgendwelchen Ecken herum stehen. Der weitere Verlauf dieser Diskussion liest sich interessant, weil einige User ihr (Halb-)Wissen einbringen, wobei vom billigen Plastikteil aus Fernost bis hin zu den renommierten Profiausrüstern alles vorgeschlagen wird, was der Markt so hergibt. Letztendlich entscheiden sich die Ratsuchenden dann doch – trotz einiger negativen Erfahrungsberichte – für das Set aus Fernost. Herr Glos hat wohl doch nicht ganz unrecht.
Zeit, um mal kurz inne zu halten und den eigenen Standpunkt zu überdenken. An sich war für mich die Fotografie schon immer das Mittel zum Zweck. Nicht die Technik war entscheidend, sondern das Bild, und das entsteht in erster Linie im Kopf des Fotografen. Ob mit der Lochkamera oder mit der digitalen HighTech-Spiegelreflex, ob Kerzenlicht oder Studioblitz, dies alles sind nur Hilfsmittel um meine Ideen zu visualisieren. Beim Streifzug durch das Internet fühle ich mich immer mehr als Außenseiter, wird mir dort bewusst gemacht, dass Fotografieren ohne aufwendiges Equipment zum absoluten No-Go avanchiert. Wenn ich dabei die Bilder, die damit in Verbindung gebracht werden, auf mich wirken lasse, so habe ich eher den Eindruck, einen Modekatalog anzusehen als die mit Licht gemalten Gedanken und Gefühle derer, die sich hinter dieser Technik verschanzen. In den Foren protzt so mancher Fotograf mit seinem Equipment, mit dem er das Bild gemacht hat, und so manches ‚Model’ weist stolz auf den Edelfummel hin, den sie auf ihren Bildern vorführt – für Gefühle und ‚Geschichten’ bleibt kein Platz mehr. Vielleicht sollte ich mich als Künstler bezeichnen, nicht mehr als Fotografierender, Kunst kennt mehr Toleranz. Was mich an ein paar interessante Bilder erinnert, die ich vor einigen Wochen entdeckt habe. Diese zeigen ein Model in Designerware – nicht aus Seide, sondern aus Luftpolsterfolie, nicht perfekt ausgeleuchtet, sondern draußen bei Tageslicht fotografiert, erfrischend unprofessionell (im positiven Sinn) und erfrischend anders. Es gibt sie also doch noch, die Menschen, die um des Bildes willen vor die Kamera treten, nicht wegen der Gage. Die ‚ihre’ Bilder im Kopf haben und nach den Fotografen suchen, die dabei helfen, diese zu visualisieren. Fast schon untergegangen im reißenden Strom der Bilderflut, wieder ins Gedächtnis gerufen durch eine nette Mail der darauf gezeigten. Ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit, freu mich drauf, gemeinsame Bildideen zu entwickeln und ohne Rücksicht auf momentan geltende Leitsätze und Regeln etwas zu schaffen, was eben Kunst genannt werden muss, wenn das Korsett Fotografie nicht mehr passt. Bis dahin werde ich noch den ein- oder anderen Streifzug durch’s Netz machen, mich von ‚Starfotografen’ wenig beeindrucken und von ‚Topmodels’ meinen Blick auf die Schönheit und Ästhetik des weiblichen Körpers nicht verbiegen lassen.
Fred Fiedler