Videos zwischen Humus und Grand Menu.
Aus Dr. U.'s Webfischerei
Jüngst im englischen Forum www.artforums.co.uk , das sich selbst sehr ernst nimmt und Wert legt auf die insuläre Etikette vornehm-ironischer Umgangsformen (dazu im Folgenden einige Beispiele) boten säuberlich ausgestaltete Webseiten wohlhabender und freundlicher Pensionäre und (amerikanischer) Gattinnen, die mitunter geradezu mit emphatischer Intensität an Ausstellungen im regionalen Raum teilnehmen - als KünstlerInnen wohlgemerkt - Anlass zu Eleos und Phobos, wie man es eigentlich nur von den griechischen Tragikern kennen sollte. "Bilder" en masse, d.h. mehr oder weniger figurativ-abstraktes, säuberlich gehandwerktes Zeug, - man sieht den Film nahezu vor sich, in dem diese nicht angreifbaren KünstlerInnen erste und fortgeschrittene Kurse besuchen, um ihr Interesse an Kunst durch eigene Werke zu vertiefen, sich mit den Impressionisten und den europäischen Abstrakten der fünfziger Jahre beschäftigen, um einen Formenschatz kennenzulernen und individuell zu kopieren, der anerkannt und unauffällig genug ist, um Erfolg im Freundeskreis und das Gefühl der schönen Werkschöpfung zu garantieren. Gegen diese Künstler, die die Messen erfolgreich überfluten, ist natürlich nichts einzuwenden...

Ich habe aber ein persönliches Anliegen, das aus der jahrelangen Beschäftigung mit Kunst resultiert: Ich will nicht, dass dieses Gemale als Kunst gilt, und zwar deshalb nicht, weil es KünstlerInnen und die eigentlich ihnen gewidmeten Institutionen quält und schwächt (gleich ob als solches wahrgenommen oder nicht). De facto ist es aber so, dass Ideen, Werke und Projekte, die nicht nur in Kursen trainierte, meistens auf Konventionen getrimmte ästhetische Entscheidungen sondern auch gedankliche Arbeit erfordern, in der Öffentlichkeit an Artikulationsvermögen verlieren. Allen voran sind es Kunstmessen, die besonders im Süden Deutschlands - und im katholischen Köln (ich finde den vorherrschenden Parallelismus katholisch-mallartig auch zum Kotzen und hacke nicht freiwillig darauf herum) - für die Kunstszene eine Rolle spielen. Mit ihrer Versessenheit, Kunst als Objekt in die Tasche zu stecken und nach formalen, gelernten Kriterien wertzuschätzen, fördern sie die hemmungslose Produktion von Bildern, die diese bekannten Klaviaturen bedienen - und insofern alle nicht postmodern, sondern wirklich adeptisch sind, Wiederholungen von bereits Bekanntem.
Eine Ausnahme bildet natürlich Basel, DIE Messe, auf der diese Objekte sechsstellige Preise und Formen haben, die mit Wohnzimmern nicht mehr kompatibel sind, sondern den musealen Zuschnitt eines Hauses erfordern. Ist das nun lediglich Schaumschlägerei und erfolgreiches Blow Up von in Monaco groß gewordenen Ästheten, die ohnehin nur im 5 oder 6-stelligen Bereich vor sich hin leben? Ich sehe unter den Baslern, die in der Regel auch tatsächlich die Museen bestücken, eher die Könige des Marktes: nicht unkompatibel, aber eben auch wirklich besser in benennbarer Hinsicht: Durch jahrelange Schulung auf Kunsthochschulen idealerweise zur Unabhängigkeit von Konventionen und zur wirklichen Eigenständigkeit in ästhetischen und inhaltlichen Fragen erzogen - im realistischen Minimum durch die ständige Anpassung an eben diesen Bereich der meta- oder gegen-konventionellen Kunst -, und durch Stipendien, Projektmittel etc, eben geeigente Rahmenbedingungen daran gewöhnt, Kunstprojekte als Investitionsfelder zu betrachten, die auf zur eigenen Entwicklung passenden Ideen und Konzepten, fortlaufenden Arbeitsschritten und sukzessiv entstehenden Ergebnissen beruhen. Solche Projekte können sich zu echten Mammuts ausweiten, wie gerade - nicht zufällig - jüngst als bayerisch exponierend Vorgestellte zeigen: Großprojekte von Magdalena Jetelová wie "Songline", fast unaufwändig aber königlich genug dagegen die den kompletten Museumsraum des h2 wandelnde Installation "Abflug"(vgl. www.arts-on.com/magdalena_jetelova.html und www.jetelova.com), ebenso das Islander- oder das Russkie-Projekt von Anastasia Khoroshilova (vgl. http://www.arts-on.com/augsburg_zarensilber_russkie.html), die kreuz und quer durch Russland reiste um die unterschiedlichsten Ethnien und Lebensstile zu fotografieren, oder, als jüngstes I-Tüpfelchen, das "Woher Kollege, wohin Kollege"-Projekt des Münchner Künstlerduos Empfangshalle, die mit Arbeitern der Münchner Müllabfuhr monatelang über deren Heimatbegriff sprachen, um dann einer irgendwie repräsentativen Auswahl dieser Arbeiter einen originalen Müllwagen zu kaufen und für eine Heimatfahrt sowohl umzubauen als auch zur Verfügung zu stellen (vgl. http://www.empfangshalle.de/sites/projekte.html). Schließlich hatten die Ausgewählten die Aufgabe, das Müllauto als Heimatrepräsentation selbst zu shooten, dieses Foto kam dann für einige Zeit als Kunst am Bau an die eigentlichen Müllfahrzeuge, die die Müllarbeiter bei ihrer Arbeit benutzten. Ein Projekt mit lustigen Effekten und vielleicht unfreiwilligen, dennoch starken Implikationen konservativer Deutschland-Werbung, insbesondere bei der Fahrt des farbprangenden Fahrzeugs durch Afrika, demonstrierend, dass Deutschland alle seine Mitbürger an Reichtum und Sauberkeit partizipieren lässt.
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Leider im Dokumentarfilm über das Projekt (der nicht von den Künstlern selbst gefilmt wurde) kein Wort darüber, wie der Afrikaner im Heimatland sein schickes neues Auto erklärte - im Rahmen welches Kunstprojektes er dazu gekommen war (hüstel), überhaupt keine Gespräche über das Projekt dort . Kunst also, die einfach größer, besser, schöner und internationaler ist als das, was wir üblicherweise miteinander kommunizieren, und vielleicht inhaltlich origineller oder prononcierter. Solche Werke sind natürlich "gemein", weil nicht für jede/jeden KünstlerIn erreichbar, aber dennoch eine ganz wichtige und vollkommen spezifische Kulturleistung von Kunst, die gegen wirtschaftliche Vernunft und mitunter auf finanzierter Projektbasis handeln darf - der erste Künstler dieser Art war vielleicht Ludwig II von Bayern, dem seine Existenz als echter König, der der wirtschaftlichen Vernunft hätte unterliegen sollen, das Kreuz brach (die Toiletten mit Wasserspülung in Neuschwanstein hätten ihm sonst auf jeden Fall zu noch mehr Ruhm in der zeitgenössischen Szene verholfen).
Eine dritte Gruppe, die sich oberhalb des deutschen Äquators tummelt, sagen wir, auf der West-Ost-Linie durch Berlin und darüber: die kritisch-reflektierenden KünstlerInnen. Das ist mittlerweile mehr als ein abweichender Stil - die Art, wie sich diese Kunst artikuliert, ist ebenfalls institutionell oder projektförmig. Die Beispiele greifen wir aus der zeitgenössischen Videokunst heraus, als Institutionen wählen wir das Edith-Russ-Haus für Medienkunst und den Videopreis von Marl, dazu einen Blick auf den Humus der Volkskunst, in deren Rahmen die kritischen Projekte blühen und gedeihen, diverse Websites wie myvideo.de, uber.com usw. - Mit denen wir dann auch gleich beginnen, als Repräsentanten des Missverstehens bzw. Mist(er)verstehens von Kunst und auch des richtig verstehenden "Humus" von Modernität als Stil ohne Projekt und Finanzierungsbasis:
Das Miss/Mist(er)verstehen wird von Videos repräsentiert, die in der Kategorie "Kunst" oder "Art" eingestellt sind und lediglich Hochzeitfilme zeigen, Portraits mit sentimentalen Bemerkungen kombinieren oder (selbst, immerhin,usw.) Gothic-Comics mit entsprechender Musik und abscheulichen Texten anreichern. Aber es gibt auch witzige Grenzgänger im Bereich Stil, unser bester Fund in dieser Beziehung ist der Video "Barbie Girls", ein geniales Ding, deshalb , bzw. wahrscheinlich wegen der Musikrechte, zur Zeit bei www.myvideo.de gesperrt ! :
Die "Rodenberger Barbie Girls" http://www.myvideo.de/watch/4718262
Dann, ebenfalls Humus, Videos mit avantgardistischem Stil, also z.B.- unsere Videos, auf http://next-topmodel.prosieben.de/profil/48681/video/4041

oder ein schönes Fundstück von www.uber.com, Künstlerin wollte nur mal einen Video für die Schule drehen, durfte sich von Handwerklichem offenbar revolutionär lösen zugunsten eines jungmädchenhaften Stils :
http://www.youtube.com/watch?v=S7Xbb_IvivE

(Library Tapes - Mellan ljud och text - mit Bildern von Emilie Björk
neben eher langweiligen Kunststücken, die vor allem etwas geistlos mit den Effekten der digitalen Bilderwelt spielen, gibt es also vereinzelt echte Schönheiten. Wirklich gemischt, wenn auch in schwieriger Sprache geschrieben, sind auch die Werke, die man im niederländischen Forum
findet.
Pretty cool z.B. das Video vom Überqueren eines "Zebrastreifens":
http://hnkforum.ning.com/video/video/show...

und noch ein zu berücksichtigender Aspekt: Die Verbindung und Vermischung von Kunst und Musik - "Art Videos" sind im Web in erster Linie trendige Musikvideos.
Die Entdeckung in dieser Kategorie ist Uber-Bloggerin fifi bzw. fifis Blog: fifis.uber.com und dort z.B. Candy Glass - die Videos zwischen Experimenten, einfachen Stories und Konzert-mit-schnitten:
http://fifis.uber.com/blogs/glass_candy.html

Irgendwie hipp, insbesondere die immer überraschende Mischung aus hyperkonventionellen und schräg vanguardistischen Gesten und Tönen.
Soweit also Ansätze zur Kunst, eben diese, weil sie sich nicht in der Imitation von Konventionen erschöpfen. Und nun, wieder Projekte. - Die einer anderen Konvention folgen, die in der Kunst so gut aufgehoben ist wie die (bayerischen) Könige: der politiknahen, aber parteilosen, individuellen Aussage. So zeigen sich zumindest viele der Gewinner des Videokunstpreise Marl . hier nur ein ´Blick auf den aktuellen und zum Preis erst einmal ein Zitat von der Webseite der Stadt Marl (Text steuert auf das Ende zu, oh, bin ich faul und das ist so hübsch erklärt):
"Der Marler Video-Kunst-Preis
Die Video-Kunst ist seit 1963, als Nam Yune Paik und Wolf Vostell das Fernsehbild zum ersten Mal künstlerisch von außen beeinflußten, mehr und mehr zum festen Bestandteil der zeitgenössischen Kunst geworden. Seit 1984 richtet das Skulpturenmuseum Glaskasten den renommierten Marler Video-Kunst-Preis aus. Als Biennale eingerichtet, gibt der erste nationale Preis für diese Medienkunst einen Überblick über die Entwicklung der deutschen Video-Kunst der jeweils vergangenen zwei Jahre.
Der Marler Video-Kunst-Preis ist eine Kooperation zwischen dem Skulpturenmuseum Glaskasten der Stadt Marl, dem Adolf-Grimme-Institut (Marl), dem WDR Fernsehen und der Kunsthochschule für Medien (Köln). Die eingereichten Arbeiten sollen sich durch medienspezifische Umsetzung, Abgrenzung von einfachen Video-Dokumentationen, durch künstlerische Qualität und durch die Qualität der technischen Bearbeitung auszeichnen."
http://www.marl.de/Marl_Kulturell/Medienkunstpreise/Videokunstpreis_neu.htm
Veranstalter ist (also) das Marler Skultpurenmuseum Glaskasten:
"Das Engagement des Skulpturenmuseums Glaskasten spiegelt sich auch in der Verleihung des renommierten Marler Video-Kunst-Preises, der 2008 bereits zum 13. Mal vergeben wird, des Marler Video-Installations-Preises und des MEDIEN-Raum-Preises. Zusätzlich wird der Deutsche Klangkunst-Preis verliehen, den das Skulpturenmuseum mit dem Kulturradio WDR 3 organisiert."
Noch mehr davon hier:
http://www.marl.de/Marl_Kulturell/Medienkunstpreise/NeueMedien.htm
Und der Preisträger 2008, 13. Marler Video-Kunst-Preis:
Daniel Burkhardt (geb.1977) aus Köln für sein Werk
"Rauschen & Brausen 1", 2007, 4min 52sek
Nochmal Zitate, aus der Begründung der Jury:
"Die Präzision und geschickte handwerkliche Ausführung dieser digitalen Bild-komposition offenbaren dem Zuschauer eine radikale Reduktion der Urbanität, die sich durch den Prozess stetiger Doppelung immer mehr abstrahiert und am Ende auflöst in eine Landschaft des Ungewissen. Das Bild wirkt dabei stets sehr plastisch, Assoziationen zu traditionellem Kunsthandwerk – wie Teppichknüpf- oder Webkunst – drängen sich trotz der Virtualisierung auf. Die Entwicklung des Bildes beschränkt sich in konsequenter Weise auf vertikale Ausdehnung und horizontale Bewegung und auf die Gegenüberstellung von Statik (im geradezu doppeldeutigen Sinne) der Gebäude und Dynamik des Verkehrs. Dabei bewegt sich das am Anfang einsam aus dem Nichts ragende Hochhaus scheinbar immer weiter nach hinten."
Und jetzt, wieder im alten Stil., unsere Summa-RY:
Also etwas Inhalt, etwas Form, etwas Handwerk. Aber. Fatal, fatal, kein Link. Diesen Video werden wir auf www.youtube.com ewig suchen, ist er doch eingesperrt in die rechtlichen Fragen des musealen Preisverleihers und die höhere Dignität des sich somit rar machenden Künstlers. Und tatsächlich, Artikel über die Preisvergabe und den Künstler finden sich en masse im Internet, aber insgessamt unter den ersten zwanzig nur drei Fotos, Filmstills aus dem Video, natürlich (!) nicht das Video selbst. Ein Trauerspiel, wenn auch verständlich angesichts dessen, dass in diesem Rahmen zwischen Institutionen und institutionell gefeatureten KünstlerInnen eine Art Handwashing existiert, das letztlich Museumsbesuche erzwingen soll- Nun gut, warum nicht, es gibt Schlimmeres. Über die sozialkritischen Inhalte von Burkhardts Blick auf das Hochhaus, über die Innenarchitektur des Hochhauses alles erst einmal Bilder ohne Zucker, schließlich sind wir fertig:

Oder/und wieder anders, auch formal und auch in Ansätzen bereits etabliert, die Videokunst, die das Edith-Russ-Haus für Medienkunst featured, Z.B. in aktuellen Ausstellungen oder Medienprojekten:
Rafael Lozano-Hemmer: Interaktionen, eigentlich unauffällige "Technologien", die auch nicht als in sich geschlossene Besonderheit repräsentiert werden sollen, sondern als integrierter Zug der Kultur 'allgemein'. Entsprechend unscheinbar, alte Glühbirnen, altmodische Mikrophone, Schattenspiele, Software oder das Internet.
Aktuelle Ausstellung
Rafael Lozano-Hemmer
RECORDERS
7. Juni – 17. August 2008
Edith-Russ-Haus für Medienkunst
FUEHRUNGEN
Regelmaeßige
Fuehrungen jeden Sonntag, 15 Uhr
Führungen für private
Gruppen, Firmen und Schulklassen nach Absprache
ÖFFNUNGSZEITEN
Dienstag - Freitag 14 - 17 Uhr
Samstag und Sonntag 11 - 17
Uhr
Montag geschlossen
Eintritt: 2,50 / 1,50 €
Edith-Ruß-Haus für Medienkunst
Katharinenstraße
23
D-26121 Oldenburg
fon: +49 (0)441 - 235 25 68
fax: +49
(0)441 - 235 21 61
„Meine Arbeiten existieren gar nicht, wenn ihnen nicht jemand etwas Zeit widmet.“
Rafael Lozano-Hemmer

http://www.edith-russ-haus.de/index.php/Programm/Programm
Dokumentarisch und systematisch, wie wir es nun mal lieben, an Liebe, Sex und anderen Peinlichkeiten obsessiv interessiert (vgl. Stefanie Trojan, Ulrike Ritter, Valie Export etc.) auch
Larissa Faßler
die in voyeuristischer Obsession Jugendliche zwingt, vor der Kamera nicht existierende oder existierende Gefühle füreinander auszudrücken.
Teen Couples I (2003 – im Alter von 14), 3:51 Min.
Teen Couples II (2005 – im Alter von 16), 4:50 Min.
Teen Couples III (2007 - im Alter von 18), 4:30 Min.
Heart Throb (2003), 1:45 Min.
www.edith-russ-haus.de/index.php/VideoVisionen/VideoVisionen

Den Beitrag der Medien zu Liebe und Emotion als imaginatives Ventil, Projektions- und quasi Übungsfeld fasst "Heart Trob" ikonisch-hyperbolisch zusammen in ca zwei Minuten von DEM MOMENT, in dem ein Girl-Groupie (ein weiblicher Fan) Gelegenheit hat, seinen Star zu küssen.
Schon die Stills deuten das Ausmaß der Verhaltenskonstruktion an, das Beziehungen zwischen den Geschlechtern selbst dann erfordern, wenn sie nach Überzeugung und emotionalem Eindruck fast aller Beteiligten und Unbeteiligten quasi aus natürlichem Magnetismus entstehen.
Wie Lozano-Hemmers Arbeiten, irgendwie systematisch und von einem Verständnis von Kunst als (analytischem, konstruktivem, mitteilbarem) Teil der Kultur ausgehend. Tja, also, mehr habe ich jetzt nicht. Zu sagen, zu verlinken. Bin ja keine Beweismaschine.
Bericht und Screenshots: Dr. Ulrike Ritter
(c) Fotos: Bei den Institutionen und Künstlern, hier nur für journalistische Zwecke wiedergegeben.